Wer zur Wirtschaftswunder-Zeit aufwuchs, lernte: Ein Gehalt pro Familie reicht für den kleinen Luxus. Warum gilt das heute oft nicht mehr so?

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Ich denke schon, dass heute vieles wieder schwieriger ist als vor einiger Zeit. Aber eher so 80er, 90er, in den 50ern war man noch nicht so dermaßen reich. Man hat natürlich anders gelebt, sich selbst versorgt, weniger konsumiert. Die Immobilien waren billiger, das muss wohl stimmen, aber damals übernahm man oft das Haus der Eltern, baute an oder auf einem Bauplatz, der vorher ein Acker war. Auch hat man selbst gebaut zusammen mit Verwandten, Baufirmen machten allenfalls ganz spezielle schwierige Arbeiten. Man hat auch enger gewohnt als heute, die Häuser waren kleiner. Einen Fernseher, eine Waschmaschine und ein Telefon leisteten sich die meisten erst in den 60er und 70er Jahren. Die 50er Jahre entsprachen vom Wohlstand her eher dem Niveau Ende der Dreißiger, in den 40ern herrschte bittere Armut. Wahrscheinlich erschienen damals den Leuten die 50er als enormer Aufschwung weil sie es im Vergleich zur unmittelbaren Nachkriegszeit ja auch waren. Man hatte wieder genug zu essen, es gab Arbeit, die Städte wurden wieder aufgebaut. Was heute wieder zunimmt, ist die Vermögens- und Einkommensungleichheit. Es gibt die einen, denen es immer besser geht und die anderen, bei denen es nur noch bergab geht. Das politische Machtverhältnis Arbeitgeber zu Arbeitnehmer nähert sich wieder früheren Zeiten an, wenn es nach manchen Wirtschaftsverbänden gehen würde, fiele man da in manchen Punkten gar in die Zeit vor Bismarck(!) zurück.

Ein weiteres Problem ist der heutige Turbokapitalismus und die vorherrschende neoliberale Mentalität. Ich sprach schon die soziale Spaltung an. Immer mehr prekäre Jobs, sinkende Tarifbindung, usw.

Bzgl. der Immobilien kommen die Mietexplosionen hinzu. So etwas hat es in der Form nicht gegeben in der "guten alten Zeit". Und das steigert natürlich auch die Grundstückspreise enorm, in solchen Regionen. Also, ein großes Problem der Gegenwart ist die zunehmrnde Spaltung des Landes in sozialer so wie auch lokaler Hinsicht. Ein Haus kann man dort billig kaufen, wo es keine Arbeit gibt. Dort, wo es genug Arbeit gibt, ist eine 1-Zimmer-Wohnung schon furchtbar teuer. Bei all diesen Dingen bräuchte es viel mehr staatliche Regulierung und Steuerung. Nicht nur in Ostdeutschland gibt es Regionen, die regelrecht ausbluten und aussterben. Und dann gibt es Regionen, die schier überquellen vor Menschen. Eigentlich ist im Grundgesetz die Pflicht der Regierung verankert, für gleiche Lebensbedingungen im gesamten Bundesgebiet zu sorgen. Dieser Pflicht wird schon lange nicht mehr nachgekommen. Ein weiterer Punkt ist die heute viel niedrigere Qualität von Produkten, alles wird auf Verschleiß produziert, Schuhe, Kleidung, technische Geräte. Wenn man so etwas gekauft hatte, war es vielleicht teuer früher, hielt dafür aber eine halbe Ewigkeit. Und man hat heute einfach generell andere Kosten, viel mehr Kostenpunkte als damals, man kann heute nicht mehr einfach so leben wie damals. Ohne Internetverbindung plus Handy und Computer ist man heute so gut wie aufgeschmissen, auch ohne Auto ist es außerhalb von Ballungsgebieten sehr problematisch. Man muss aufgrund gesellschaftlichen Drucks versuchen, "mitzuhalten", die coolsten Klamotten, das neueste Iphone, Smartwatch, am beaten noch eine Rolex, ohne solche Utensilien wird man in breiten Teilen der Gesellschaft ausgegrenzt. Diesen Erwartungsdruck hatte man in den 50ern nicht, aber das sind Sachen, die man heutzutage eben benötigt aus vielerlei Gründen, dass muss man halt auch mal berücksichtigen. Gerade Kinder machen heute viel mehr Kosten als früher, damals haben die einfach selbstgenähte Sachen aufgetragen, wenn einer daraus hinauswuchs, bekam es der kleinere Bruder etc. Auch hatten die Kinder viel weniger Spielzeug, Bücher und sonstige Sachen damals und teilten sich viel mehr.

Naja, vieles entwickelt sich heutzutage ähnlich wie in Amerika, dieser ganze Konsumismus kommt von dort und der Zwang, mitzuziehen, deshalb leben schon heute immer mehr Menschen nur noch auf Pump (Kredit), weil sie sich ihren Lebensstandard eigentlich nicht leisten, aber unter dem Erwartungsdruck der Ellbogengesellschaft stehen..

Hast Du gerade den alten Stern vom 28.4.18 gefunden?

https://www.stern.de/wirtschaft/geld/wenn-der-lohn-nicht-zum-leben-reicht--ist-die-mittelschicht-eine-illusion--7300192.html

Die dort beschriebene Situation in dieser Zeit halte ich auch für unrealistisch und schließe mich wfw und Privatier an. Eigenes Auto, Auslandsreisen, alle zwei Jahre ein neues Smartphone, latte macchiato statt Thermoskanne mit Tee, das war nicht der Standard mit nur einem Einkommen pro Familie. Was mit "kleinem Luxus" wohl gemeint war? Das Lachen der glücklichen Kinder? Die eigene Waschmaschine? Die Woche Urlaub im Zelt an der Ostsee? Im Umfeld meiner Familie jedenfalls hatten die Familien mit nur einem Verdiener regelmäßig kein Auto etc.

Das Propagieren dieses Leitspruchs "Ein Gehalt pro Familie reicht für den kleinen Luxus" damals halte ich eher für politisch motiviert. Frauen sollten vom Arbeitsmarkt verdrängt bzw. ferngehalten werden, http://www.sueddeutsche.de/politik/frauen-das-kleine-bisschen-glueck-1.2468158-2

(Leider fehlt bei diesem link die erste Seite des Artikels, um die es mir ging) - Doppelverdienergesetz (Frauen / Beamtinnen wurden entlassen, wenn der Ehemann Arbeit hatte), bis 1975 kein Recht verheirateter Frauen ohne Zustimmung des Ehemannes zu arbeiten, bis 1957 Höherbesteuerung von Doppelverdienern etc.

Abgesehen, Herr lohepudel, von der ganzen Ungerechtigkeit in diesem Staat, hat der Konsum sicher viel mit vielem zu tun, auch wenn die Generationen natürlich auch nicht von selbst diese Konsumhaltung erlangen, sondern dies auch aus wirtschaftlichen Interessen so gewollt ist. Hier noch ein schöner Artikel

https://www.n-tv.de/wirtschaft/Sie-kaufen-lieber-Avocados-als-Haeuser-article19844420.html

Auch , wenn dies immer noch nicht das richtige Forum ist. Aber morgen ist ja Sonntag.

Ja, früher war alles besser! Da waren die Eier noch eckig, das Wasser war unverdünnt, die Bundeskanzler hießen noch Konrad und in jeden Industriellenhaushalt gehörte neben dem Dienstboten auch ein Apricotpudel.

Daß das gemeine Volk noch mit einem Familieneinkommen auskam könnte natürlich damit zusammen hängen, daß es damals selbstverständlich war, mit 4 Personen auf 60qm -oder weniger- zu hausen, vom Auto nur zu träumen, den Urlaub in der Eifel zu verbringen und die Klamotten zu tragen bis sie vom Leibe fielen.

Gemessen am verfügbaren Einkommen waren Grundstücke und Häuser damals mit Sicherheit nicht billiger als heute. Nur hatten die Bauherren nicht die Ambition neben der Abzahlung der Hütte noch ein Luxusleben führen zu wollen.

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Ich bin Jahrgang 54. Soll ich Dir mal den Unterschied schildern?

Bis ich 10 war wohnten wir in 3 Zimmern (nicht abgeschlossene Wohnung) im Haus meiner Großeltern. Kohlen zum heizen mussten hochgetragen werden.

Als ich 10 war zogen wir in ein eignes Haus ein. Kosten 60.000,- DM mit ganz viel Eigenleistungen meiner Eltern. Ab dann hatten wir einen Fernseher. Gemüse wurde im Garten angebaut, auch Erdbeeren.

Meine Mutter hatte auch eine Halbtagstätigkeit. Waschmaschine kam 6 Jahre später. Telefon 3 Jahre später.

Sieh Dir mal alte Filme an, z. B. aus der Reihe Stahlnetz, die ende der 50er Jahre gedreht wurden, in welchen Verhältnissen normale Arbeiter in der Zeit lebten.

Achso in den Jahren als meine Eltern auf das Haus (besser auf den Eigenkapitalanteil für das Haus) sparten, waren wir einmal im Urlaub. 14 Tage Harz.

Heute gehört zu jedem Hartz IV Haushalt Fernseher und Waschmaschine. Die Wohnungen sind abgeschlossen und haben Heizung.

Vielleicht noch ein Unterschied zu heutigen Hartz IV Haushalten, mein Vater hat mir beigebracht, wie ich Sachen im Lexikon nachschlage, wenn ich was für die Schule nicht weiß und meine Mutter hat mit mir lesen geübt.

Jede Woche bekam ich zwei- bis dreimal zu hören, "Geht brav ich die Schule, höre ordentlich zu, habe keine Widerworte, mache was der Lehrer sagt, Du sollst es mal besser haben als wir."

Ich denke das hören Kinder heute sehr selten, oder nie.

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@wfwbinder

Ach so, des Hauses war damals der Gegenwert von knapp 3 Porsche 911, 6 Opel Kapitän, oder 5 Mercedes 220. Wäre vergleichbar heute E Klasse Mercedes 220.

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@wfwbinder

Wem sagst Du das! In Urlaub gefahren sind wir allenfalls für 7 Tage und es waren immer Ziele in Deutschland. Lebensmittel wurden bei Aldi und Co eingekauft und es wurde Obst aus dem Garten eingemacht (mit Birnen kann man mich heute noch jagen). Das was vom Einkommen übrig blieb wurde gespart und investiert. Heute würde man es mit Autos und Urlaub verjubeln

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@wfwbinder

So war das - erzähl das mal jemandem, der ein wenig jünger ist.

Man hält Dich für einen spinnerten alten Deppen.

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@wfwbinder

Ich erkenne auch meine Kindheit in deiner Schilderung größtenteils wieder, obwohl in der DDR aufgewachsen !

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@Gaenseliesel

Ich denke auch die Unterschiede zwischen Ost und West sind erst Ende der60er und in den 70er Jahren größer geworden. in den 50er und 60er beschränkte es sich darauf man die Anzahl der privaten Autos und der Telefone im Westen schneller anstieg. Auch Artikel wie Bohnenkaffee und andere höherwertige Handelswaren.

Im Wohnen ging es weniger schnell auseinander. Das war auch eines der wichtigsten Programme der DDR.

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@wfwbinder

Ja auch das stimmt ! Das Scheitern der DDR lag primär an der stetig wachsenden politischen Knebelung seiner Bürger, denn niemand musste hungern und frieren ! Allerdings....Verwandte im Westen gehabt zu haben, war in vielerlei Hinsicht( Mangelwirtschaft) nicht zum Nachteil...... lach

Deshalb, die Wende war schon gut.....ein zurück wünscht sich kaum jemand im Osten !

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