Würdet ihr für 9€ arbeiten gehen?

20 Antworten

Neun Euro pro Stunde ergeben bei 250 Arbeitstagen zu acht Stunden für einen Kinderlosen in Steuerklasse I ca. 1.100 Euro netto im Monat. Da kann sich jeder ausrechnen, für was für ein Leben das reicht.

Weißt Du, Bezahlung ist ja auch eine Frage der Wertschätzung. Und wenn jemand für Mindestlohn oder für 9 Euro/h arbeiten muss, und damit gezwungen ist, am Existenzminimum zu leben, dann ist das nicht nur eine ökonomische Frage, sondern materieller Ausdruck der gesellschaftlichen Geringschätzung und Verachtung, die diesem Menschen entgegengebracht wird.

Da kann ich schon verstehen, wenn jemand sagen würde: "Wenn ich schon am Existenzminimum leben muss, dann soll die Gesellschaft, die mir das zumutet, auch dafür bezahlen. Dann behalte ich wenigsten einen Teil meiner Würde, weil ich mich nicht zu diesem entwürdigenden Hungerlohn verkaufe und damit selbst abwerte."

Schwieriger wird es, wenn da Familie und Kinder mit dranhängen.

Nein, Arbeitslosigkeit ist kein selbstgewähltes Schicksal und niedriger Lohn ist auch nicht das Ergebnis niedriger Qualifikation. Letzteres wird sich jedem erschließen, wenn man mal ein kleines Gedankenspiel veranstaltet und sich vorstellt, dass alle Erwerbsfähigen einen Hochschulabschluss hätten. Die Friseurin mit dann Hochschulabschluss würde deshalb keinen Cent mehr verdienen und der Gebäudereiniger mit Hochschulabschluss auch nicht.

Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass sich mit höherer Qualifikation der Erwerbsfähigen auch die Zahl der gutbezahlten Jobs erhöht. Es würde sich höchstens der Druck auf die Bezahlung in diesen Jobs erhöhen. Ich möchte in diesem Zusammenhang auch an die vielen Tausenden hochqualifizierten Akademiker erinnern, die von Praktikum zu Praktikum, von einem prekär bezahlten Job in der Forschung zum nächsten vagabundieren.

Es ist auch ein Trugschluss zu glauben, dass es genügend bezahlte Arbeitsplätze gibt, so dass jeder, der arbeiten möchte auch bezahlte Arbeit bekommen kann. Das wird schon daran deutlich, wenn man bedenkt, dass die Arbeitsproduktivität schneller wächst als die Wirtschaftsleistung. Alleine durch den wissenschaftlich-technischen Fortschritt fallen mehr Arbeitsplätze weg, als neue geschaffen werden.

Arbeitslosigkeit ist ein untrennbarer Bestandteil des Kapitalismus. Sie ist das Druckmittel, mit dem die abhängig Beschäftigten im Zaum gehalten werden. Zeiten der relativen Vollbeschäftigung, waren Sonderfälle z. B. während des Aufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg. Wenn heute in Deutschland, die Arbeitslosigkeit sinkt, dann hat das zwei Hauptursachen:
Erstens werden Vollzeitarbeitsplätze zunehmend durch Teilzeitarbeitsplätze ersetzt. Das lässt sich sehr gut daran ablesen, dass zwar die Zahl der Erwerbstätigen gestiegen ist, die Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden jedoch gleich geblieben ist.
Zweitens bedeutet der deutsche Exportüberschuss in der Praxis auch einen Export der deutschen Arbeitslosigkeit in andere Länder. Die Produkte, die wir in andere Länder verkaufen, ohne von denen in gleichem Wert andere Produkte zu kaufen, schwächt deren Wirtschaft und schafft dort Arbeitslosigkeit, die wir dann bei uns nicht haben.

Die Arbeitslosen in diesem Land verursachen den abhängig Beschäftigten auch keine nennenswerten Kosten. Denn wenn die Arbeitslosen alle in bezahlten Jobs arbeiten würden, würde sich der Lohndruck noch weiter erhöhen, den alle Beschäftigten dann auch in der Brieftasche spüren würden.

Damit alle Erwerbsfähigen auch wirklich einen menschenwürdig bezahlten Job haben können, von dem sie gut leben und gesellschaftlich teilhaben können, braucht es ein anderes Wirtschaftssystem.

Wenn du für für 9€/h arbeiten gehst, ermöglichst du Arbeitgebener, solche Ausbeuterlöhne zu zahlen. Wir müssen uns kollektiv weigern, zu solchen Konditionen zu arbeiten, dann steigen die Löhne. Die "jede Arbeit ist akzeptabel"-Politik hat definitiv zum Niedriglohnsektor beigetragen. Hartz4 ist besser als ein Ausbeuterjob, auch für uns als Gesellschaft. Das müssen wir uns klarmachen, anstatt nur darauf zu schielen, Menschen um jeden Preis in Ausbeuterarbeit zu zwingen, da wir uns kurzfristig Einsparungen in der Arbeitslosenversicherung versprechen...

verreisterNutzer  18.07.2017, 00:14

...also lässt du lieber die Bevölkerung für dich arbeiten???

Was denkst du, wer dein Hartz4 dann zahlt???

Agentpony  18.07.2017, 01:16
@verreisterNutzer

Du hast leider den Kommentar absolut nicht verstanden.

Ja, für 9,€ arbeiten ist immer noch weitaus besser wie arbeitslos und Hartz IV. Man hat mehr Einkommen, wie als Hartz IV Empfänger. Zudem ist es kein gutes Gefühl, auf Kosten des Staates zu leben. Außerdem fällt einem, wenn man nur zu Hause ist, doch irgendwann die Decke auf dem Kopf.

Viele kleine und mittelständische Betriebe können, auch wenn sie wollen, nicht mehr, als den Mindestlohn zahlen, was den teilweise sehr hohen Lebensunterhaltskosten, Betriebskosten sowie Lohnnebenkosten zuzuschreiben ist. 

Hier muss die Politik ran. Leider setzen sich jedoch gerade die großen Parteien lieber für die Großkonzerne ein, als für kleine und mittelständische Unternehmen. So empfinde ich das zumindest.

Wir bräuchten eine neue Regierung, die deutlich mehr in die Infrastruktur sowie in die Sozialkassen investiert, damit einfach zum einen die kleinen und mittelständischen Unternehmen ihre Angestellten besser bezahlen können, zum anderen die Lohnnebenkosten sinken und u.a. die Renten gesichert sind. Dafür könnte man an anderen Sachen sparen wie z.B. einige Großprojekte wie Stromtrassen oder auch die ganzen Abfindungen an Wirtschaftsbosse entweder deutlich senken oder stärker besteuern und deutlich weniger Diäten. Auch die Militäreinsätze im Ausland sollte man deutlich reduzieren, wenn nicht sogar schrittweise abschaffen.

So sehe ich das

atzef  17.07.2017, 13:18

Kleine und mittlere Unternehmen, deren Geschäftsmodelle so gerade eben mal die Finanzierung des Mindestlohns vorsehen, verdienen es auch nicht, sich am Markt auf Kosten hemmungsloser Ausbeutung ihrer Mitarbeiter zu halten...

NicoFFFan  17.07.2017, 17:21
@atzef

@atzef

Du hast da nicht ganz unrecht. Natürlich gibt es leider auch solche Unternehmen wie von Dir genannt. Die verdienen es natürlich nicht, sich am Markt auf Kosten hemmungsloser Ausbeutung ihrer Mitarbeiter zu halten. Aber es gibt auch Unternehmen, die durchaus das Ziel haben, Geschäftsmodelle, die eine höhere Finanzierung wie den gesetzlichen Mindestlohn, vorzusehen. Vielleicht wäre ja hier ein Förderprogramm sinnvoll, bei denen solche Unternehmen nach umfangreicher Überprüfung eine finanzielle Förderung dafür bekommen, um die Mitarbeiter angemessen zu bezahlen nebst Beratung und Unterstützung für Verbesserung der Geschäftsmodelle. Natürlich nur, wenn nach umfangreicher Überprüfung tatsächlich das Unternehmen Hilfe braucht. Unternehmen, die ihre Mitarbeiter angemessen bezahlen können und nur nicht wollen, bekommen natürlich diese Unterstützung nicht. Die verdienen es dann auch nicht, sich am Markt zu halten und sollten stattdessen Sanktionen bekommen, denn es kann nicht sein, dass man trotz ausgelerntem  Beruf und Vollzeitjob nur Mindestlohn oder gar weniger bekommt. 

Das ist doch die gegenwärtige  Kardinalfrage - und die Kardinalantwort darauf heißt ganz klar: Ich bin kein Sklave!  Du sollst dich nicht anbieten/dieneln/buckeln! (das fängt beim Lohn an) 

Für den Arbeitgeber/Amt heißt das: Du sollst deinen Nächsten nicht bestehlen!  oder auch: Begehre nicht deines Nächsten Hab u. Gut (sprich Lebensenergie/Zeit/Harmonieempfinden/soziale Kondition)

ora et labora: bete u. arbeite bezieht sich auf brüderliche Gleichheit, auf dynamische Soziabilität für Mensch u. natürlich auch inclusive Natur!

Wenn sich daß Bewußtsein des Staates/Politik nicht entwickelt, bzw. nicht für gerechte/gleiche/zeitgemäße Sozial- und Gemeinschaftsstrukturen sorgt, dann kann er nur Entfremdung säen, zu der auch ungerecht bezahlte Arbeit dazugehört etc.! Dann ist es gerecht, logisch u. ethisch - unschuldig,  konsequent die Arbeit zu verweigern (bis zum "peinlichen" Gericht), wobei der Sieger schon jetzt feststeht: die entwickelte Ethik!

ALSO , KEIN BAMMEL VOR DER BESCHEIDENHEIT - H4 😊😨😊

Für so wenig würde ich im Jahr 2017 nicht arbeiten geben.

Ich zahle jedem meiner Mitarbeiter viel mehr als die deutschen zahlen. 

markusher  18.07.2017, 07:17

schön, was zahlst du denn? wo findet dich ein arbeitsloser, um bei dir eine bewerbung abgegeben zu können?

Stockholder  18.07.2017, 16:22
@markusher

Meine Unternehmen sind in der USA, China, Kanada Russland. Dazu bin ich noch Teilhaber bei Firmen in Deutschland, Schweiz, Italien, Belgien, Österreich, etc. In meinen Unternehmen in der USA verdienen meine Mitarbeiter je nach beruf mindestens (stand Juli 2017) 18$ pro Stunde.