Notwehr - Wenn Pädagogen zurück schlagen müssen.

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Hallo, ich arbeite in diesem Bereich und ich weiß, was du meinst. Unser Heim und die Wohngruppen sind durch einen sehr sehr schwierigen Prozess gegangen und da hatten wir auch die Situation, dass die Kinder alleine durch die Zahlenmäßige Überlegenheit das Sagen hatten bzw. Situationen in sekundenschnelle zum kippen gebracht haben. Ich bin trotzdem nie in die Situation gekommen zurückschlagen zu müssen. Wenn du eine gute Beziehungsarbeit geleistet hast kannst du letztendlich doch wieder auf Einzelne zurückgreifen. Du musst dich trauen sie direkt einzeln anzusprechen und zum Tun aufzufordern. Fordere sie nicht dazu auf völlig entgegen der Gruppe zu agieren, das kann er in der Situation nicht, aber du kannst ihn auffordern "Schau mal der ... dreht gefährlich auf, kannst du ihn etwas beruhigen" So agiert er noch in der Gruppe, aber entschärft die Situation schon mal. Insgesamt ist es wichtig die Gruppenprozesse immer im Blick zu haben und möglichst schon im Vorfeld dagegen zu arbeiten, im Zweifelsfall die Gruppe in einzelnen Aktionen deutlich verkleinern. Letztendlich ist aber auch Fakt, dass wenn die Kids schon so agieren eine förderliche und hilfereiche Arbeit nicht mehr möglich ist, deshalb muss man neben dem täglichen Kampf der geführt wird über eine sinnvolle Belegung nachdenken in der sich die Kids gegenseitig unterstützen und nicht hindern. Wir haben die Rädelsführer damals entlassen und die Gruppen mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen aufbelegt. Die bringen auch viele Schwierigkeiten mit, aber die liegen meist nicht auf der Verhaltensebene. Dadurch kommt eine unglaubliche Beruhigung in eine Gruppe. Außerdem haben wir einen Inobhutnahmeplatz eröffnet. Die Schwierigkeit ist, dass damit schnell innerhalb der nächsten Stunde ein Kind in der Gruppe steht, aber gut ist, dass du die Kids die kommen gut kennenlernen kannst und wenn dann die Frage im Raum steht ob man sie aufnehmen kann, kann man schon beurteilen ob es passt oder nicht. Dadurch haben wir jetzt einige Kids in der Gruppe die unter normalen Umständen gar nicht bei uns gelandet wären. Wir haben auch einen super Kontakt zum örtlichen Jugendamt und bei denen einen Stein im Brett, was auch sehr hilfreich ist. Glaube mir, der Prozess war unglaublich schwer, aber in der Rückschau hat es sich gelohnt. Die Gruppe ist meist total harmonisch, Ärger gibt es so wie es auch unter Geschwistern Ärger gibt, wir kommen endlich dazu mit den Kindern auch ganz ganz viel positiven Kontakt zu finden und damit schon alleine durch diese Beziehung die Spitzen nehmen zu können. Wir haben weiterhin auch sehr schwierige Kids, aber die fallen in der gut durchmischten Gruppe nicht mehr so extrem auf und lernen wirklich Alternativen zu ihrem bisherigen Verhalten.

Super lieben Dank. Sollte es wirklich soweit kommen das einer ausrastet werde ich deinen Rat beherzigen und andere aus der Gruppe ansprechen den ausrastenden zu beruhigen.

Hättest du denn noch einen Rat darüber wie ich mich zu verhalten habe wenn ich selber zum Ziel werde weil ich ein Kind beschützen möchte und vor schaden bewahren will. Wie gesagt, möchte ich nicht zu hausen aber auch nicht im Krankenhaus landen. Viele Jugendliche wissen nicht mehr wo Sie aufzuhören haben und es kommt immer häufiger vor das jemand entweder bleibende Schäden erleidet oder sogar stirbt. Bestes Beispiel waren diese Jugendlichen die einen alten Mann solange zusammen getreten haben, bis dieser gestorben ist.

Vielleicht sollte ich etwas anders fragen. Würdest du zurück hauen, wenn du allein bist und umzingelt und angegriffen wirst?

@Bailey1989

Das ist immer schwierig zu beantworten, wie man einen einzelnen aggressiven Jugendlichen beruhigen kann. Hier ist das Verhalten ja nicht auf die gefühlte Stärke der Gruppe zurückzuführen, sondern es ist einzeln entstanden und hat erst mal wenig mit einer Gruppe zu tun. Meist reicht schon das du in irgendeiner Weise deine höhere Position verdeutlichst. Bei manchen hilft ihnen die folgende Strafe zu benennen, immer wenn er weiter macht wird die Strafe ein wenig angehoben, bei manchen reicht es bis 3 zu zählen, weil sie wissen, dass dann mehr folgen wird, mit manchen hilft es über ihr Verhalten im Vorfeld zu sprechen und ein Stop-Code-Wort auszumachen, das ihm signalisiert dass er wieder weit über seinem eigentlichen Ziel hinaus ist. Ich hatte schon Jugendliche da hat es geholfen sie in der höchsten Wut in den Arm zu nehmen, die sind weinend zusammengebrochen. Wichtig ist vor allem auch hier die Sicherheit für die Kids zu schaffen, dass so ein Verhalten nicht unbenannt bleibt. Es muss also eine Klärung der beiden Streihähne passieren. Meist hat ja das Kind das angegriffen wird auch etwas dazu beigetragen, dass der andere so aggressiv auf ihn losgeht. Auch dieses Verhalten muss beleuchtet werden. Wir hatten schon Kinder die immer andere provoziert haben bis die auf sie losgegangen sind und die selbst so erst mal als die Guten dastanden, weil sie ja die Opfer sind. Also, beide Seiten anhören, Verhalten klären, Wiedergutmachung für beide anleiern und vor allem alternatives Verhalten aufzeigen. Insgesamt immer wieder sollten sie mal einen positiven Weg aus einem Konflikt schaffen dies dick loben, damit sie dafür die Anerkennung spüren. Habt ihr ein Bonussystem in der Gruppe? Bei uns hilft das total. Die Kids können sich durch positives Verhalten Punkte verdienen, die sie dann für verschiedene Dinge einlösen können, z.B. 30 Min länger aufbleiben, 30 Min länger an den PC, einemal zu Mc Donalds, bei richtig vielen Punkten ne Einzelaktion mit dem Bezugsbetreuer. Die Kids nehmen sich oft richtig vor die Woche endlich die Punkte für die Einzelaktion zusammenzubringen oder endlich mal nen Tag mit voller Punktzahl zu schaffen. Außerdem schafft man so ein System in dem sie ihre positiven Seiten immer wieder zurück gemeldet bekommen und sie täglich relativ zeitnah eine Rückmeldung zu ihrem Verhalten bekommen. Es entstehen tolle Gespräche bei der Rückmeldung. Für akute Situationen fällt mir noch ein einfach mal total unerwartet zu reagieren, verändere die Situation, einer schmeisst gerade mit Geschirr um sich, du holst total ruhig einen Besen, drückst ihm die Schaufel in die Hand und fängst an zusammen zu kehren, lobe auch in der Wut kleinste Kleinigkeiten die richtig laufen, das fördert das er das weiter macht, oder treib es auf die Spitze, fordere ihn auf noch lauter zu schreien, gibt ihm nen Boxhandschuh um damit auf die Wand zu schlagen, schmeiss einfach selbst mal ne Tasse die du in der Hand hast dazwischen und schrei los, einfach verblüffen, so schaffst du einen kurzen Moment der Ruhe und zugänglichkeit. Dann schnell alle auffordern z.B. in ihre Zimmer zu gehen, dies nicht aufgeregt oder strafend, sondern ganz ruhig und selbstverständlich, sag denen die du schickst, dass du gleich nachkommst.

Du fragst ob ich zurückhauen würde? Ich weiß es nicht, ich war noch nie in der Situation die ich nicht irgendwie wieder in den Griff bekommen habe, vor allem war ich nie alleine. Rein nach dem Verstand glaube ich, dass ich wenn ich anfange zurückzuschlagen verloren habe, denn dann bin ich auf dem gleichen Niveau wie die Kids und dann gebe ich ihnen damit die Erlaubnis, zumindest indirekt, zu schlagen. Aber wenn die Situation total verfahren ist weiß ich nicht wie ich dann aus der Situation heraus reagiere, oft ist es dann ja nur noch ein Reflexhandeln, denn dann hat man die Kontrolle tatsächlich über alles verloren.

@Sanja2

Niemals würde ich einem Kind etwas tun wollen. Mir war selber klar, dass ich dann sofort verlieren würde, trotz der Notwehr. Genau davor hatte ich heute den ganzen Tag Angst! Das ich morgen zur Arbeit gehe und sich die beiden Teen-Gangs morgen die Köpfe einschlagen und ich nicht weiter weiß. Deine Beispiele haben in mir neue Ideen Angeregt mit extrem Situation beispielhaft umzugehen. Ich hoffe das diese in der Praxis gut ankommen werden.

Ich kann dir gar nicht genug danken. Du hast wirklich meine ängste genommen mit den Situationen nicht umgehen zu können. Wenn die 24h um sind dann bekommst du den "best answer button" :D

@Bailey1989

Vielen Dank für die schöne Rückmeldung, du kannst gerne wieder nachfragen. Ich kann deine Ängste gut verstehen, das kann kaum jemand nachvollziehen der nicht selbst so was erlebt hat. Ganz schön mutig sich in so einen Bereich fürs Praktikum zu wagen, aber sicherlich wenn du es durchstehst eine wichtige Erfahrung für dein Leben.

Ich habe selbst in einem Internat für sozial auffällige Kinder und jugendliche gearbeitet. Ich habe mittlerweile aufgehört weil ich genau an dem Punkt war, bin oft auch körperliche bedroht und angegriffen wurde, dass ich mir nicht mehr sicher war ob ich nicht auch irgendwann zu schlage. Muss aber dazu sagen dass es einfach in dieser einrichtung zu der zeit schlechte vorraussetzungen gab, ständiger Personalmangel, mangelnder rückhalt von den Vorgesetzten, etc. Ansonsten finde ich Sanja hat schon eine sehr gute anwort gebracht. Und ich bin der meinung man muss auch irgendwie für so einen Job gemacht sein, alle achtung, aber wenn man merkt man schafft es nicht mehr muss man auch einen schluss strich ziehen.

Solche Pisser haben es ganz einfach nicht anders nötig. Ich finde in deiner Position stehst du in der Pflicht die Kinder zu erziehen und wenn sie es anders nicht zulassen möchten dann ist es kein Verbrechen sie auch zu schlagen.
Das schlagen eines Kindes darf nicht zum Alltag werden, es darf allein das aller letzte Mittel sein. Außerdem kannst du nicht immer warten bis die Polizei da ist. Jugendliche haben keinerlei Ahnung was sie anrichten können, was das für den anderen bedeutet, was ihr Verhalten für Konsequenzen und Folgen hat.
Früher hat jeder Vater seine Kinder geschlagen, hab ich selber noch erlebt und mittlerweile bin ich über den kurzweiligen Schmerz hinweg und hab eingesehen dass er alles richtig gemacht hat.

den Jugendlichen mehr Gespräche anbieten (einzelnd und in Kleingruppen)! Zum Thema Gewalt ein Projekt machen usw...

Das wird alles schon gemacht. Leider fruchtet das nicht. Es wurden auch Hausverbote erteilt und mal ne Knastzelle von innen gezeigt und dennoch machen die Kinder weiter.

10 gegen 1 und du darfst dich nicht wehren??? dann ist etwas falsch natürlich nur im notfall aber warum solltest du dich verprügeln lassen müssen?

Ich weiß natürlich das ich mich wehren darf und habe das auch gefragt ob ich das wirklich darf, aber ich fühle mich bei dem Gedanken unwohl. Natürlich würde ich mich nicht zusammenschlagen lassen. Ich möchte deswegen hier ein paar Erfahrungsberichte lesen.

Vielleicht hatte jemand so eine Situation als Pädagoge wo er sich gegen mehrere Kinder gleichzeitig Behaupten musste.

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