Wieso hat sich die vermeintliche Weltsprache Esperanto, sich nicht als Weltsprache durchgesetzt?

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Der Grund ist historisch bedingt. In den ersten 30 Jahren seines Bestehens hat Esperanto einen unglaublichen Aufschwung erlebt, gerade auch in der deutschen Arbeiterschaft gab es gleich zwei große Esperantobewegungen!

Als dann aber die Diktaturen kamen (H.itler (warum zum Teufel wird der Name zensiert???), Stalin, usw.), wurden Esperantosprecher von allen Seiten immer mehr unterdrückt und verfolgt und zum zweiten Weltkrieg hin so gut wie "abgeschafft". Der Grund ist klar: Kein Diktator kann es sich erlauben, dass die unteren Schichten sich mit anderen Ländern unterhalten können, das würde nämlich ihr "Wahrheitsmonopol" untergraben.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde dann zumindest überall im Westen jedem Englisch als Sprache aufgedrückt, was auch logisch ist. Die großen Sieger der Weltgeschichte haben anderen immer sowohl ihre Kultur, ihre Sprache und ihre Denkweise aufgedrückt. Dementsprechend hat sich Englisch trotz riesiger sprachlicher Schwächen sehr einfach überall als Weltsprache durchsetzen können während Esperanto erst einmal überhaupt keine Basis mehr hatte.

Die Gründe sind also politischer Natur und haben mit der Qualität als Sprache überhaupt nichts zu tun.

du bist wirklich gut!...

Sprachen verbreiten sich relativ langsam. Als Muttersprachen wachsen sie im wesentlichen entsprechend dem Bevölkerungszuwachs (und eventuellen Eroberungen u.ä.), also selten mit mehr als 2 % pro Jahr. Auch als Fremdsprache verbreiten sie sich nicht sehr schnell - das Englische ist als Fremdsprache in den letzten 40 Jahren wohl von etwa 250 Millionen Sprechern auf etwa 2 Milliarden angewachsen, macht Faktor 8 oder etwa 5 % pro Jahr. (Ja, ich weiß, wieviel Englisch die 2 Milliarden können, ist eher unklar; aber der Faktor 8 dürfte nicht ganz falsch sein, auch bei höherem Sprachniveau und entsprechend geringeren Sprecherzahlen.)

Im übrigen hat die Verbreitung des Englischen um das Jahr 500 angefangen, es hat also gegenüber Esperanto einen Vorsprung von etwa 1400 Jahren, was seinen bisher besseren Erfolg zu einem erheblichen Teil erklärt.

Esperanto hat 1887 mit einem einzigen Sprecher angefangen und man kann annehmen, dass es zu irgendeinem Zeitpunkt um 1900 etwa 100 Menschen gab, die die Sprache fießend sprachen. Heute dürfte es weltweit etwa 100.000 Menschen geben, die Esperanto fließend sprechen. In diesen hundert Jahren hat sich die Sprachgemeinschaft also vertausendfacht, eine mittlere Steigerung von etwa 7 % pro Jahr (mit starken Schwankungen). Vergleicht man dieses Wachstum mit anderen Sprachgemeinschaften, so ist das sehr viel. Vermutlich ist Esperanto sogar diejenige Sprache, die sich im vergangenen Jahrhundert prozentual am schnellsten verbreitet hat. Das liegt wohl im wesentlichen an der Idee der Internationalität und an der raschen Erlernbarkeit (in der Regel reichen drei Wochenenden als erste Grundlage für das Sprechen).

Die Durchsetzung von Esperanto als bedeutendste internationale Sprache hätte bedeutet, dass es einen Status ähnlich dem Englischen heute hätte. Von den besagten etwa 100 Sprechern um 1900 hätte die Sprachgemeinschaft also auf heute etwa 1 Milliarde anwachsen müssen. Das wäre eine Steigerung um den Faktor 10 Millionen gewesen oder etwa 16 % pro Jahr bis heute. Solche Steigerungsraten, auch noch als Mittel über einen so langen Zeitraum, sind in der Geschichte der Sprachen wohl noch nie vorgekommen - weder durch freiwilliges Lernen noch durch schulische Verbreitung als Pflichtfach. Obwohl Esperanto sich sehr rasch erlernen lässt und durch seine Internationalität attraktiv ist, hat auch Esperanto das nicht erreichen können.

Man kann weiterhin fragen, warum es nicht schon weiter verbreitet ist. Nach meinem Verständnis ist es paradoxerweise gerade das Ziel der internationalen Durchsetzung von Esperanto, das die Verbreitung behindert hat und weiter behindert. Jahrzehntelang wurde von Esperanto-Seite die Haupthoffnung in den politischen Bereich gelegt (obwohl der Schöpfer des Esperanto, Ludwig Zamenhof, schon 1910 gesagt hat, dass Regierungen erst dann aktiv werden, "wenn alles schon fertig ist"). Esperanto wurde in der Öffentlichkeit oft so dargestellt, als hätte es seinen wahren Sinn erst dann, wenn es allgemein eingeführt sei, und als ob dieses Ziel das wichtigste für Esperanto und die Esperantosprecher sein müsse. (Dies denkt aber nur ein Teil der Esperantosprecher.) Daneben fiel die Darstellung des aktuellen Nutzens für den Esperanto-Lernenden oft geringer aus (während die Werbelehre erläutert, gerade das solle der Kernpunkt der Werbebotschaft sein). Bis heute ist zu beobachten, dass Pressearbeit und Werbung oft nur einen geringen Stellenwert in der Tätigkeit der Esperanto-Vereinigungen haben.

Das Ziel der allgemeinen Durchsetzung von Esperanto ("Esperanto als erste Fremdsprache für jeden") behindert auch den Einzug in Bildungseinrichtungen. Es bedeutet ja, dass alle anderen Fremdsprachen zurückgedrängt werden sollen, und demzufolge stemmen sich häufig auch sehr viele Übersetzer, Dolmetscher, Lehrer und Professoren von Fremdsprachen mit Händen und Füßen (und manchmal unfairen Maßnahmen) gegen Esperanto. Kein wirkliches Wunder, wenn man bedenkt, dass die Einführung von Esperanto als erster Fremdsprache bedeuten würde, dass sehr viele von ihnen den Beruf wechseln müssten. Taktisch erscheint daher dieses Ziel nicht sehr vielversprechend.

Ein Freund von mir hat es geschafft, mehrere Uni-Referate zu Esperanto zu halten. Ich war erstaunt und er erklärte: "Esperanto ist immer hochwillkommen - vorausgesetzt, man sagt nicht, dass es Weltsprache werden soll!"

Informationen zu Esperanto gibt es bei http://www.esperantoland.org

weil sie keine natürliche Sprache ist. Es ist doch viel einfacher, eine Sprache zu lernen, die es schon gibt, die man bei etlichen Gelegenheiten üben kann (im Urlaub, im Chat im Internet). Außerdem verbindet man doch automatisch Sprache mit Menschen - aber mit welchen Menschen verbindet man Esperanto - mit keinen, denn es gibt ja kein Volk der Esperantos. Außerdem ist Englisch durch das ehemalige britische Empire schon so weit verbreitet auf der Welt, daß es einfach keinen Sinn machen würde, eine andere Weltsprache einzuführen, die dann 6 Milliarden Menschen lernen sollten.

Esperanto ist ähnlich natürlich wie Neuhebräisch oder Hochdeutsch, nur ein bisschen jünger (erst 120 Jahre)

Es gibt seriöse Schätzungen, dass der Aufwand, der Menschheit Esperanto beizubringen, geringer ist, als dem gar nicht so kleinen Teil, der kein Englisch kann, die englische Sprache.

Dabei muss man zum Beispiel beachten, wie gering der Lernerfolg des Englischen in Deutschland ist, obwohl Englisch dem Deutschen so benachbart ist und obwohl seit Jahrzehnten im deutschen Bildungssystem ein ungeheurer Aufwand getrieben wird, den Deutschen Englisch einzutrichtern. Ich habe zu den Englischkenntnissen der deutschen Bevölkerung eine statistische Untersuchung gemacht, deren Ergebnis verheerend war. Auf Wunsch gebe ich die Literaturquelle an (die Untersuchung ist veröffentlicht).

Eine Sprache ist auch Ausdruck der Identität eines Menschen. Natürliche Sprachen haben sich durch jahrtausendelange Interaktion von Menschengruppen miteinander und mit spezifischen Umwelt- und Sozialbedingungen herausgebildet. In einer natürlichen Sprache ist die Geschichte von Völkern aufgespeichert, ihre Einstellungen und Werte. Diese gewachsenen Sprachen kann man nicht einfach ersetzen, ohne daß man den Sprechern Gewalt antun, ihnen Teile ihrer Identität rauben würde. Eine erfundene Sprache verfügt zudem niemals über die Eleganz und Schönheit natürlicher Sprachen, an der Milliarden von Menschen über Jahrtausende mitgewirkt haben. All diese Menschen, von Goethe über Menschen aus dem Ruhrgebiet, die ihre lokale Identität auch durch ihren "Dialekt" ausdrücken, bis hin zu den Berlinern, dem Londoner "Cockney" usw.. .All diese Menschen sind gewissermaßen in der tradierten Sprache noch enthalten. So etwas kann man nicht einfach ersetzen. Das historisch begründete Verstehen von Phänomenen würde verlorengehen, wenn wir nicht mehr ethymologisch unsere Begriffe für die Dinge entschlüsseln und nachvollziehen könnten. Es wäre ein weltweiter, ungeheurer Verlust an Kultur.

Ähnliche Stellungnahmen zu Esperanto gibt es immer wieder. Sie enthalten mehrere grundsätzliche Fehler.

  • Eine Sprache in der Rolle der Muttersprache (lokale/regionale Identität) hat natürlich eine ganz andere Funktion als eine internationale Verständigungssprache (wie Esperanto).

  • Esperanto soll nicht die Muttersprachen "ersetzen", eher bewahren. Denn mit einer internationalen Sprache, die für kein Volk, sondern die gesamte Menschheit steht, hat man ein ideales Modell, wie man gleichzeitig seine kulturelle Identität bewahren kann (jeder lernt erst einmal seine Muttersprache) und doch die weltweite Verständigung gewährleistet ist. Jede Ethnosprache in der Rolle einer weltweit gesprochenen Verständigungssprache gefährdet jedoch die kulturelle Identität der übrigen Muttersprachler. Wer Esperanto als Gefahr für die Muttersprachen ablehnt, muss sich fragen lassen, wie er dann zu einem weltweiten Englisch steht.

(Fortsetzung folgt wegen Umfangsüberschreitung)

(Forsetzung meines Kommentars)

  • Esperanto vermittelt ebenfalls eine Identität, nämlich die, Mitglied der Menschheit zu sein. Identität ist bekanntlich abgestuft: Ich selbst, meine Familie, mein Dorf/mein Stadtviertel, meine Region, mein Land, mein Kontinent, meine Welt. Wer Esperanto spricht, wird bestätigen können, dass er sich weltweit mit allen anderen Esperanto-Sprechenden als Mitglioed der einen Menschheit identifiziert.

  • Ethnosprachen werden leicht mystifiziert. Diese Haltung stammt zum Teil aus der Romantik und ist in vielen Einzelheiten heute sprachwissenschaftlich nicht mehr haltbar. Dass "eine erfundene Sprache niemals über die Eleganz und Schönheit natürlicher Sprachen" verfügt, ist rein ins Blaue hinein behauptet, ausnahmslos von Leuten, die Esperanto nicht sprechen. Esperantosprechende empfinden ihre Sprache ebenfalls als elegant und schön, mit Abstrichen, wie bei ihrer Muttersprache, und unter Berücksichtigung, dass "Schönheit" nicht objektivierbar ist.

  • Da Esperanto auf vielen europäischen Sprachen fußt, tradiert es genauso das Denken früherer Zeiten wie moderne Formen unserer Muttersprachen. Es gibt spezielle etymologische Wörterbücher, in denen man nachschlagen kann, welche Herkunft jedes Esperanto-Wort hat. Nichts wurde "erwürfelt", wie sich das manche vorstellen. Natürlich ist Esperanto eine "Mischsprache", mit vielen Wurzeln - wie alle verbreiteten anderen Sprachen auch.

  • Die speziellen kulturellen Wurzeln einzelner Ethnosprachen sind tatsächlich wertvoll und zu erhalten. Aber Esperanto will ja die Muttersprachen auch nicht verdrängen, wie schon gesagt.

  • Wer Esperanto beurteilen will, muss seine (erfahrenen) Sprecher fragen. Von außen kann man das natürlich nicht, obwohl es immer wieder gemacht wird. Ich würde mich hüten, mich wertend zu einer Sprache zu äußern, die ich nicht selbst spreche und die ich nicht aus der Praxis kenne.

Wie bei allen Fragen, die Esperanto betreffen, gibt es Gegner und Befürworter. Leider sind die Antworten der Gegner von Menschen aufgeführt, die sich nie oder nur am Rande (ich habe schon mal davon gehört bis kenne ich nicht) beschäftigt haben oder einfach aufgeschnappte Vorurteile zitieren. Das Letztere ist natürlich am einfachsten, noch leichter als Englisch zu lernen oder gar Esperanto selbst. Dies ist eigentlich ein Grund, warum Esperanto sich nicht schon weiter verbreitet hat. Die Geschichte beweist, dass politische und ökonomische (Profitgier ...) Zwänge sich dem entgegen stellten, eigentlich wie heute, nur in moderner Form. Wenn der internationalen Plansprache dieselben Möglichkeiten/Förderungen zuteilwerden, wie z.B. dem Englischen, wäre es schnell die Fremdsprache Nr. 1 in den Schulen. Die Vorteile dieser Sprache könnten dann voll ausgereizt werden.

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