Wieso halten viele Menschen die Menschenrechte für unantastbar und unveränderbar (ich meine offiziell, nicht inoffiziell)?

5 Antworten

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Ui.... - das ist eine gute Frage, liebe(r) BockHasel.

Weil es eine der wichtigsten Errungenschaften der Menschen ist im Hinblick darauf, dass wir ja miteinander leben müssen.

Aber was mir beim Lesen deiner Frage als erstes in den Sinn kam ist die Frage, warum es eher offiziell, aber nicht inoffiziell wichtig ist. Ich glaube, dass wir eine ganze Menge unserer heutigen Probleme weniger hätten, wenn dieses oberste Prinzip nicht nur in Deutschland tatsächlich ernst genommen werden würde.

Wenn es auch schon im Kindesalter von Erwachsenen vermittelt werden würde - und ich gehe sogar noch weiter: Wenn schon Kinder von den Eltern lernen würden, wie wichtig es ist, die Würde des Lebens und der Natur zu respektieren. Aber leider haben verflixt viele Eltern das auch selbst nicht gelernt. Manchmal erscheint es mir so, als ob die Generationen nach mir ein bisschen arg auf 'Hauptsache, nicht erwischt werden' bzw. 'Hauptsache, ich hab recht' konditioniert wären.

Nicht alle, natürlich nicht! Aber doch viele. Und wenn man sieht, was für Probleme dadurch entstehen können und wieviel Leid und Angst und auch unnötige Feindschaft das auslöst, dann wird mir manchmal schon ein bisschen bange vor der Zukunft. Nicht immer, aber wenn ich mir das mal so durchdenke - und wenn ich die Entwicklung der letzten 50 Jahre beobachte.... - doch, dann wirds mir echt mulmig.

Und ich glaube, es liegt zu einem Teil auch daran, dass auch die Politiker ganz oben - auch in der EU - die Menschenrechte eben nur offiziell 'predigen', sich aber rein praktisch einen Schais um Menschenrechte scheren. Insbesondere dann nicht, wenns um wirtschaftliche Interessen geht. Und damit hab ich echt ein Problem.

Die sogenannten zivilisierten Kulturen sind so stolz auf ihre Freiheit, aber Freiheit bedeutet nicht, alles zu dürfen, sondern nicht alles zu müssen. Sie plakatieren ihre 'Werte', regieren aber, als wäre die Würde des Menschen mit seiner Produktivität verbunden. Sonst hätten wir nicht die mitunter unsäglichen Zustände in Altenpflegeheimen, in denen die Würde des Menschen nicht einmal wichtig genug ist, ausreichend Pfleger/innen einzustellen, auch wenns nicht wirtschaftlich ist. Die Menschenwürde ist fast schon zur Farce geworden.

Nach meiner persönlichen Überzeugung bräuchte es einen Großteil unserer ganzen Gesetze garnicht erst, wenn die Achtung vor der Würde des Menschen tatsächlich ernst genommen werden würde. Aber nur predigen hat noch nie viel gebracht, weder im Großen noch im Kleinen. Denn auch in einer Familie ist es so, dass Eltern, die etwas nur predigen, nicht aber selbst (vor-)leben, nicht wirklich viel Erfolg damit haben. Allerspätestens, wenn das Kind aus dem Haus ist, wird es drauf pfeifen, aber in den meisten Fällen schon viel früher.

Es wundert mich also nicht so sehr, dass man dran festhält, sondern ich bedaure vielmehr, dass es einfach nicht ernst genommen wird. Dass es zwar gepredigt und plakatiert und werbewirksam ins Szene gesetzt - aber nicht gelebt wird. Und ich kann Menschen anderer Nationen in gewisser Weise schon verstehen, wenn sie uns das einfach nicht abnehmen. Ich hab ja auch selbst gewisse Schwierigkeiten damit.

"Präambel
Da die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet,
da die Nichtanerkennung und Verachtung der Menschenrechte zu Akten der Barbarei geführt haben, die das Gewissen der Menschheit mit Empörung erfüllen, und da verkündet worden ist, dass einer Welt, in der die Menschen Rede- und Glaubensfreiheit und Freiheit von Furcht und Not genießen, das höchste Streben des Menschen gilt,
da es notwendig ist, die Menschenrechte durch die Herrschaft des Rechtes zu schützen, damit der Mensch nicht gezwungen wird, als letztes Mittel zum Aufstand gegen Tyrannei und Unterdrückung zu greifen,
da es notwendig ist, die Entwicklung freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Nationen zu fördern,
da die Völker der Vereinten Nationen in der Charta ihren Glauben an die grundlegenden Men-schenrechte, an die Würde und den Wert der menschlichen Person und an die Gleichberechti-gung von Mann und Frau erneut bekräftigt und beschlossen haben, den sozialen Fortschritt und bessere Lebensbedingungen in größerer Freiheit zu fördern,
da die Mitgliedstaaten sich verpflichtet haben, in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen auf die allgemeine Achtung und Einhaltung der Menschenrechte und Grundfreiheiten hinzuwirken,
da ein gemeinsames Verständnis dieser Rechte und Freiheiten von größter Wichtigkeit für die volle Erfüllung dieser Verpflichtung ist,
verkündet die Generalversammlung
diese Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als das von allen Völkern und Nationen zu erreichende gemeinsame Ideal, damit jeder einzelne und alle Organe der Gesellschaft sich diese Erklärung stets gegenwärtig halten und sich bemühen, durch Unterricht und Erziehung die Achtung vor diesen Rechten und Freiheiten zu fördern und durch fortschreitende nationale und internationale Maßnahmen ihre allgemeine und tatsächliche Anerkennung und Einhaltung durch die Bevölkerung der Mitgliedstaaten selbst wie auch durch die Bevölkerung der ihrer Hoheitsgewalt unterstehenden Gebiete zu gewährleisten."

Das ist die Präambel. Vllt beantwortet die deine Frage:)

Wenn man Menschen nicht wenigstens diese Rechte zugesteht geht es drunter und drüber. Dann bist Du in Nazideutschland, Nord-Korea, ...

Unveränderbar sind sie nicht, aber man kann nichts mehr weg nehmen ohne alles kaputt zu machen und man konnte sich leider nicht einigen weitere hinzu zu fügen (z.B. Zugang zu sauberem Trinkwasser).

Achso...ich dachte immer, dass sie unveränderlich wären

Die Achtung vor den Menschenrechten geht auf Immanuel Kant zurück. Eine umfassende Definition der Achtungswürdigkeit und der Menschenwürde findet sich in seiner „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“.

Das Grundprinzip der Menschenwürde besteht für Kant in der Achtung vor dem Anderen, in der Anerkenntnis seines Rechts zu existieren und in der Anerkenntnis einer prinzipiellen Gleichwertigkeit aller Menschen.

Als Vernunftwesen kann der Mensch unmoralische Zustände nicht gutheißen, da sie zu heillosen Zuständen führen würden, letztlich zum Kampf aller gegen alle. Also muss eine vernünftige Staatsordnung zugleich moralisch sein. Gott könne aus dem Spiel bleiben - sagt Kant - , das moralisch Gute könnte als praktische Notwendigkeit erklärt werden. Ein solcher moralisch denkender Mensch müsste nicht unbedingt gut sein, allenfalls „gut“ aus Vernunftgründen.

Aus diesem Gedanken heraus hat Kant den kategorischen Imperativ formuliert: Handle immer so, dass die Maxime deines Handelns jederzeit Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung sein könnte. Da der kategorische Imperativ eng mit der Vernunft verknüpft ist, muss jeder im Hinblick auf die universale Vernunft fragen, ob sein Handeln „vernünftigerweise“ Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung sein könnte. Tut er das nicht, d.h. akzeptiert er z.B., dass Minderheiten wahllos ausgemerzt werden können, so müsste er einverstanden sein, dass solches unmenschliche Handeln auch ihm selbst gegenüber angewendet werden kann. Das aber wäre unvernünftig.

Die Achtung vor den Menschenrechten beruht letztlich auf dem Gedanken, dass der Mensch als vernünftiges Wesen nur dann wahrhaft Mensch ist, wenn er im Einklang mit den Prinzipien seiner Vernunft handelt (Vernunft also nicht als reines Denkorgan gesehen, sondern als eine Eigenschaft des Menschen, die mit den Prinzipien der Moral eng verbunden ist).

Die „heillosen Zustände“ hat es in Zeiten gegeben, als man Bauern als Leibeigene, Sklaven wie Sachen behandelte und Indianer wie Wild abschoss. Die männlichen Indianer Nordamerikas bezeichnete man in der Frühzeit der Kämpfe gegen diese Indianer als Indianerböcke, die man also wie Rehböcke abknallen durfte.

Sie sind per Definition unveränderbar und unantastbar. einfach mal die Präambel lesen, dann weißt du schon mehr.

Ja, aber warum sollte das so bleiben? Definitionen kann man ändern.

@BockHasel

Warum sollte man das denn tun?

Gefällt Dir irgendwas an den Menschenrechten nicht?

@dandy100

@ BockHasel: Lies erstmal dei Präambel. Genau für das, was dort genannt wird, wurde der Begriff "Menschenrechte" geprägt. Sollten sie geändert werden, würde auch ein anderer Name fällig.

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