Mögliche Folgen der Leitzinserhöhung? Wie geht ihr langfristig vor?

2 Antworten

Das Thema ist ausgesprochen vielschichtig. In Wirklichkeit ist die Antwort eine Art Prognose-blog, den ich außer am Jahresende ungern mache, weil es auch für Experten oft anders kommt als gedacht.

Zentralbanken sind unabhängig. So was kann sich - in den USA wie in Euroland - ändern, was für Unsicherheit sorgt. Sie reagieren auf Inflation, weil Geldwertstabilität ihr oberstes Ziel ist. Gerade eben hat man in der Türkei gesehen, was passiert, wenn die Politik Einfluss nimmt. Eine schnelle Geldentwertung wäre auch in den USA oder Europa die Folge.

Steigende Zinsen sind zunächst schlecht für die Verbraucher, weil sie für Schulden - egal ob für Immobilien, Autos oder Konsum - höhere Zinsen zahlen. Die Zentralbanken dämpfen mit steigenden Zinsen die Nachfrage und damit die Inflation, auch wenn das negative Auswirkungen auf die Beschäftigung hat.

Aus der Sicht der Unternehmen sorgen steigende Zinsen einerseits für einen Rückgang der Nachfrage. Weil auch die Zentralbanken kein Interesse haben, das die Wirtschaft zusammenbricht, wird dosiert angehoben, was den Effekt vernachlässigbar macht. Dazu können sich Unternehmen dann nur teurer verschulden. Weil nach der Hochkonjunkturphase eher wenige hohe Schulden haben und die sich in der Niedrigzinsphase oft langfristig umgeschuldet haben, ist auch der Effekt kein wichtiger.

Nun zu den Märkten:

Phänomenal ist in den letzten Monaten, dass die Märkte so wirken, wie wenn ihnen Geld entzogen wurde. Anleihen sind wegen der steigenden Zinsen (USA) oder wegen eines zu erwartenden Zinsanstiegs gefallen. Aktien sind davon normalerweise (siehe oben) kaum betroffen. Trotzdem fallen (ausgerechnet) die relativ moderat bewerteten europäischen und da vor allem Deutsche Aktien seit dem im Januar erreichten Allzeithoch. In der letzten Woche sogar dramatisch.

Aktien in Europa fallen derzeit, als ob es eine Alternative wäre, statt in mäßig teuer bewertetes Produktivvermögen (KGV um die 14 - 15), das auf Inflation normalerweise positiv reagiert, in die Schulden von Ländern zu investieren (KGV derzeit im 10-jährigen Bereich um die 125). Immobilien in München sind derzeit reine Spekulationsobjekte. Die zu erwartende Rendite deckt die zu erwartenden Kosten nicht.

Wie es weiter geht, ist aber vollkommen offen. Was teuer ist kann noch teurer, was billiger ist kann noch billiger werden. Wer kurzfristig anlegen muss, hat immer ein Problem. Langfristig sind eher günstige und auch eher sichere Unternehmen den sehr teuren Alternativen vorzuziehen. Ob der, der jetzt aus Aktien aussteigt (und das Geld z. B. in Tagesgeld parkt) zu einem niedrigeren Preis wieder einsteigen wird? In der Vergangenheit war ein solches taktisches Manöver sehr selten erfolgreich!!! Wenn man bei sehr schlechter Stimmung aussteigt, lagen die Kurse beim Einstieg in der Regel deutlich höher.

Ich bin auf viele interessante Themen wie der Auswirkung steigender US-Zinsen auf die Staatsverschuldung in Emerging Markets nicht eingegangen. Auch hier muss man genau hinsehen. Die Aktiengesellschaften eines Landes sind oft von den Regierungen unabhängig. Ein Staatsbankrott beeinflusst zwar den Finanzsektor nur wird der auch gestützt. Andere Sektoren können - z. B. von einem gefallenen Kurs der eigenen Währung - sogar profitieren.

Das zu den Folgen.

Nun zu deinen Fragen:

>Heißt das zwingend, dass sich bald Anleihen/Tagesgeld wieder lohnt und der Aktienmarkt fällt?

Zwingend schon deshalb nicht, weil Tagesgeld immer nur jahreweise eine höhere Rendite brachte als Aktien. Anleihen fallen (logischerweise) bei steigenden Zinsen. Ob in absehbarer Zeit eine Rendite übrig bleibt ist offen. Langfristig sind Aktien überlegen. Natürlich die richtigen.

>Und auch dass die Bauzinsen evtl. wieder steigen?

Steigen sie nicht schon? Wenn man an steigende Zinsen glaubt, steigen auch die Zinsen auf Immobiliendarlehen.

>Klar weiß man nie, wie die Zukunft ausfällt, aber was wären eure Schritte? Geld auf Seite parken, Bausparer etc. ?

Kein Anleger kommt an einer klaren Differenzierung seiner Ziele vorbei. Kurzfristig, also 1 - 3 Jahre mehr Richtung Tagesgeld, Mittelfristig, also 3 - 7 Jahre irgendwas dazwischen und für Anleger, deren Ziele mehr als 7 Jahren in der Zukunft liegen, sind Aktien seit Januar fast 15 % billiger geworden.

Für Bausparer als Mischung aus längerfristiger Festlegung und - für den Festlegungszeitraum - geringem Zins ist da kein Platz. Wenn wer in Raten einzahlen kann, hat er sowieso keine Alternative zu guten, auf seine Bedürfnisse hin ausgewählten Fonds. Auf der Seite parken? Und dann? Bei guter Stimmung einsteigen?

Woher ich das weiß:
Berufserfahrung

Super Antwort, vielen vielen Dank!

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Die EZB wird sich, zumindest im Moment kaum anschließen.

Das wird also nur den Wechselkurs beeinflussen (der Dollar wird im Verhältnis zum Euro etwas steigen).

Trotzdem sollte man auf Dauer mit höhren Zinsen rechnen. Daher kann man aus meiner Sicht sagen, billiger als jetzt, wird Geld für die nächsten Jahre kaum sein.

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