die letzten 10% den Dummen überlassen - wie soll man das verstehen?

...komplette Frage anzeigen

7 Antworten

Ich würde sagen Kostolany spielt hier auf die Milchmädchenhausse an: http://www.boersennews.de/lexikon/begriff/milchmaedchen-hausse/1826

Man weiß natürlich erst hinterher, wann der DAX seine letzten 10 % zugelegt hat vor dem Abschwung. Die 10 % sind aber eher symbolisch zu verstehen. Es geht nicht um die konkrete Zahl, sondern darum, zu erkennen, wie weit ein Bullenmarkt schon fortgeschritten ist und nicht zu einem späten Zeitpunkt und mit hohem Verlustrisiko einzusteigen.

Beispiel: Der DAX hat Anfang 2009 bei 4000 Punkten notiert, aktuell sind wir bei etwa 12000 Punkten, das entspricht einer Verdreifachung. Hat man im Jahr 2009 oder den darauf folgenden Jahren investiert, konnte man gute Gewinne machen. Nun läuft dieser Bullenmarkt über 8 Jahre. Egal, ob nun noch ein Plus von 10 % oder 20 % (oder...) drin ist, es muss jedem klar sein, dass der Abschwung irgendwann kommen muss. Die Kunst besteht darin, die Tendenzen zu erkennen und nicht zu den Dummen zu gehören, die nun die letzten Aktien vor diesem Abschwung aufkaufen. Gute Indikatoren sind übrigens die BILD-Zeitung (wenn auf der Titelseite für Aktien geworben wird, sind wir ganz sicher in der Milchmädchenhausse angekommen!) oder auch der Freundes-/Bekanntenkreis. Wenn sich da plötzlich Leute für Aktien aussprechen, die mit Investments bisher nichts am Hütchen hatten, sollten die Alarmglocken läuten ;)

  • Wenn der linke Daumen juckt, dann kauft man.
  • Juckt der rechte Daumen, dann verkauft man.
  • Jucken beide Daumen, geht man zum Arzt.

Die Dummen sind die, die glauben, mit Hilfe von ein paar Börsenregeln schlauer als der Rest zu sein.

Kapitalmärkte sind so vielen Einflüssen ausgesetzt, daß man unmöglich in der Lage ist, auch als institutioneller Anleger irgendwelche Richtungen kurzfristig oder mittelfristig vorherzusagen. Das bedeutet, es gibt keine Strategie, die anhand fundamentaler und charttechnischer Analysen mit Sicherheit die Bewegungen von Wertpapierkursen vorhersagt, da in jedem Fall der Unsicherheitsfaktor "Zukunft " mit einem Bündel an unbekannten Ereignissen zu berücksichtigen ist. Darüber können wir aber nur Annahmen treffen, d.h. liegen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit falsch.

Also gibt es zwei prinzipielle Ansätze, dieses Problem zu umgehen:

  • Trading: man spielt das Gesetz der großen Zahlen aus, d.h. nimmt durch eine qualifizierte Vorselektion eine Beurteilung von Instrumenten am Kapitalmarkt vor, so daß die Wahrscheinlichkeit für das Fallen oder Steigen von Kursen asymmetrisch verteilt ist. Man kann dann z.B. mit 20% Wahrscheinlichkeit von fallenden Kursen, mit 80% von steigenden Kursen ausgehen. Damit läßt sich durch eine entsprechend hohe Anzahl von Trades ein Gewinn erreichen, der kumulativ durch die Geschäfte entsteht. Wichtig ist dabei nicht, bei der Mehrzahl der Geschäfte "recht zu haben", sondern einfach nur frühzeitig im Verlustbereich die Bremse zu ziehen bzw. Gewinne möglichst lange laufen zu lassen und abzusichern. Es gibt Forex-Trader, die das Spiel ausschließlich mit EURUSD machen und keine anderen Instrumente betrachten.

  • Investment: man diversifiziert den Portfolio und richtet sich langfristig aus. Da davon auszugehen ist, daß Aktienmärkte und auch Rohstoffe im Prinzip mit der Inflation nach oben schwimmen, wird man damit grob die Inflation schlagen können. Hat man eine Selektion von Aktien nach entsprechender Wachstums- oder Ertragsstärke vorgenommen, so kann man davon ausgehen, daß zwar auch hier ein paar Underperformer dabei sind, aber mehr Marktperformer oder -outperformer. Auch hier werden Verluste auf einen gewissen Prozentsatz limitiert, während Gewinne abgesichert werden. Ausschüttungen verbessern das Ergebnis, da werthaltige Aktien typischerweise dann bald wieder die Kurse vor der Ausschüttung erreichen, da die Anleger mit der nächsten Ausschüttung rechnen.

Wie Du schon sagst, ist es unmöglich, die letzten 10% zu kennen, da das nur retrospektiv möglich ist. Also muss man auf Basis der aktuellen bzw. vergangenen Daten die Entscheidung treffen. Das kann falsch sein. Von Gewinnen ist aber noch keiner arm geworden - egal ob das nun +10% oder +20% sind.

Es ist ein Mythos, daß es bei Investitionen am Kapitalmarkt darauf ankommt, ob es Daimler oder HP oder HSBC ist. Es kommt darauf an, Risiken zu managen und zu begrenzen. Diejenigen, die ihre Risiken nicht im Griff haben, werden langfristig Verluste einfahren. Oft ist das mit Hoffnung verbunden. Wie viele Leute haben die Deutsche Telekom oberhalb von 60 EUR gekauft und hofften bei dem langsamen Abstieg auf 10 EUR immer noch, daß es wieder nach oben gehen wird... und irgendwann meint man, es wäre zu spät... und dann ist man nur noch frustriert. Man darf das nicht emotional angehen, sondern muss sich Ziele setzen. Fällt eine Deutsche Telekom um 20% von 60 EUR auf 48 EUR, muss man sich doch fragen, was wahrscheinlicher ist

  • daß die Deutsche Telekom sich im Abwärtstrend erholt und wieder auf 60 EUR steigt, oder

  • daß es andere Werte gibt, die den Wertzuwachs hinlegen, während die Deutsche Telekom weiter fallen dürfte.

Hält man die zweite Option für wahrscheinlicher, muss man verkaufen und in andere Anlagen umschichten. Ist das Downside-Risiko zu groß, muss man wechseln. Hoffnung ist ein schlechter Ratgeber.

Ach ja... und hier noch eine meiner Lieblingsbörsenweisheiten: "Die Flut hebt alle Boote, erst bei Ebbe sieht man, wer nackt geschwommen ist."

Kapitalanlagen haben primär etwas mit Risikomanagement zu tun. Leute, die dieses Grundprinzip nicht beachten, fahren schnell mal Milliardenverluste ein, wie man bei UBS oder JPMorgan sehen konnte.

Und wenn Du gerne liest, dann empfehle ich doch immer gerne wieder dieses Buch:

"Keine Angst vor dem nächsten Crash" von Bernd Niquet.

0
@gandalf94305

Gutes Buch. Danke für den Tipp. Ist echt gut beschrieben und nicht so ein blagefasel wie in den anderen Börsenzeitschriften, wo immer der selbe Unsinn steht :)

0

Kostolany war Schriftsteller und Entertainer und hat mit unterhaltsamen Büchern und Vorträgen sein Geld verdient. Als erfolgreichen Börsenanleger konnte man ihn - im Gegensatz zu W. Buffet - nicht bezeichnen. Dafür ist Buffet als Bücherschreiber weniger erfolgreich.

Trotzdem, man sollte Kostolany´s Bücher lesen. Sie sind amüsant, aus ihnen spricht der gesunde Menschenverstand und sie helfen dem Anleger mehr als das pseudowissenschaftliche Gelaber und Geschreibsel von Professoren und Nobelpreisträgern, die nichts anderes versuchen, als jedem Anleger nach einigen Jahren ohnehin bekannte Börsenerfahrungen, in wissenschaftlich klingende mathematische Formeln zu fassen.

Kluge Bücher zu schreiben und schlaue Reden zu halten ist etwas ganz anderes als erfolgreich zu handeln. Ein Enterrtainer der viel schreibt und redet, der darf auch mal, um der Pointe willen, so Sprüche ablassen wie die von Dir genannten 10% oder den dazu im Widerspruch stehende Rat, nach dem Aktienkauf eine Schlaftablette zu nehmen. Sein schönster Rat: "Wer viel Geld hat, kann spekulieren, wer wenig Geld hat, darf nicht spekulieren, wer kein Geld hat, muß spekulieren".

Wenn man sich die zahlreichen Theoreme aus der etablierten und bierernsten Wirtschaftswissenschaft anschaut, die, wie z.B. das von der risikolosen Anlage, sich als grobe Irrtümer herausgestellt haben, dann schneidet Kostolany, der sich nie als Wissenschaftler aufspielte, mit seinen gelegentlichen Halbwahrheiten geradezu brillant ab.

ja das mit der Schlaftablette ist ne abwandlung, für die, die auf kredit am neuen markt spekuliert haben und dann gleich zwei packungen nehmen mussten. ursprünglich sollte man baldrian nehmem!

0

das kann einer wie Kostolany sagen, der vermutlich oft das Timing traf. Und dann ist es einfach zu sagen, die letzten 10% den Dummen zu überlassen, wenn er denn oft in der Nähe des Hochs verkauft hat.

Es ist die Kunst, das herauszufinden. Vielleicht sollte man auch sagen: Gewinne mitnehmen hat noch keinen arm gemacht.

Wann der Dax dreht, wann er steigt, wann er zusammenbricht, weiss keiner.

Na ja, extreme Volatilität und Hochfrequenzhandel gab es in den typischen Kostolany-Zeiten in Deutschland noch nicht... weiterhin war das Investment in Aktien eher selten bei deutschen Anlegern. Daher haben auch andere Strategien funktioniert.

0

Es gibt auch so etwas wie "Selbsterfüllende Prophezeiung" :). Wenn jemand etwas vorhersagt und die Mehrheit den jenigen glaubt und so handelt, dann kommt es auch oft dazu wie es vorhergesagt wurde. Aber es kommt eben nicht dazu, weil die Vorhersage richtig war ;)

PS: Diese Strategie versuchen viele für sich zu nutzen, indem unbekannte pennystocks aufgekauft und danach, z.B. telefonisch, beworben werden.

0

Nimm die Würfel, oder die Hasenpfote. Eines von beiden hat immer noch gewirkt!

Hallo,

der Kostolany war doch vor allen Dingen ein Börsenphilosoph. Das blabla was der alles zusammengeschrieben hat, taugt doch bloß als Unterhaltung.

Danach ist eine sinnvolle Börseninvestition nicht möglich.

Was möchtest Du wissen?