Amerikaner sehen die Sozialsysteme in Europa mit wenig Respekt. Wieso?

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Abgesehen davon, daß die US-Amerikaner (sorry, den Begriff "Amerikaner" mag ich nicht verwenden, denn dererlei gibt es noch ein paar mehr als in USA) zu 90% keine Ahnung haben, was außerhalb eines 50-Meilen-Radius um ihren Wohnort passiert (Sportergebnisse ausgenommen), hört man doch in USA immer nur schlechte Meldungen aus Europa. Europa ist ja auch an der ganzen Krise schuld. Und wenn dann nicht noch die Deutschen wären, die anstelle ihre eigenen Produkte massig ins Ausland (und nach USA) zu verkaufen, doch lieber US-Produkte kaufen sollen, dann wäre die Welt doch wieder in Ordnung, oder?

Es gibt in Europa genau ein Land, das eine höhere Verschuldung bezogen auf das BIP hat, als dies bei den USA der Fall ist: Griechenland.

Die Arbeitslosenquote in USA liegt bei über 8%, in Deutschland liegt sie bei 6,8%. Das Lustige ist dabei in USA aber, daß dort auch eine Kategorie der "Frustrierten und Nichtsuchenden" in der Statistik existiert, d.h. man nimmt einfach bestimmte Personen aus der Grundgesamtheit aus, um bessere Zahlen zu erreichen. Die tatsächliche Arbeitslosigkeit liegt in USA bei über 11%.

Die von Mitt Romney versprochenen 12 Mio neuen Jobs über die nächste Legislaturperiode klingt richtig gut und nach einer großen Leistung... aber das entspricht gerade mal 250.000 neuen Jobs pro Monat - einer Zahl, die schon längst in den letzten Monaten übertroffen wurde. Keine Kunst also, das zu erreichen.

Wettert man gegen Europa, so vergessen die US-Amerikaner gerne, daß der massive Vertrauensverlust nicht in Europa begann, sondern in USA mit der Subprime-Krise, die jede Art von Verschuldung plötzlich in ein neues Licht stellte.

Es wird auch vergessen, daß das von den Republikanern geschmähte Obama-Care ein wesentlicher Fortschritt ist, der nicht nur Millionen von US-Amerikanern endlich eine bezahlbare Krankenversicherung ermöglicht (die sie vorher nicht haben konnten), sondern auch die gesamte Versicherungs- und Gesundheitsindustrie davon profitiert. Die Republikaner möchten im Prinzip eine Art private Versicherung einführen und die gesetzliche Medicare/Medicaid deckeln. Das wird für eine sehr große Anzahl von US-Amerikanern ein deutlicher Rückschritt sein.

Das immer als staatliches Wohlfahrtssystem verschrieene System in vielen europäischen Staaten (diese haben ja auch zum Teil recht unterschiedliche Gesundheits- und Sozialsysteme) kostet natürlich einiges an Geld, geht jedoch im Gegensatz zu dem von den Republikanern propagierten System aus, daß jeder Bürger ein Recht auf Sozialfürsorge und Krankenbehandlung hat. Wie viele Krankenhäuser gibt es in USA, in denen Ärzte in ihrer Freizeit ehrenamtlich arbeiten, um kostenfreie Behandlungen für Bedürftige anzubieten, die sich keine Krankenversicherung leisten können? Das ist der amerikanische Alptraum.

Schaut man sich die Energieinfrastruktur in USA und Europa an, so sind die USA auf dem Stand von irgendwo zwischen Russland und Indien. Es gibt kein nationales Power Grid, das vermascht Ausfälle und Mehrbedarfe kompensiert, sondern eine Menge regionaler Versorger mit lokalen Cogen-Plants. Die Energieversorger wurden auf Kosteneffizienz getrimmt, aber es gibt keine Strategie, wie eine Energieversorgung national geplant wird.

Die von den Republikanern beschworene Reduktion des staatlichen Einflusses in allen Bereichen wird dazu führen, daß mehr Freiheiten für Unternehmen und insbesondere auch Banken bestehen. Wozu das geführt hat, haben wir 2008/2009 sehr hübsch feststellen können. Märkte sind nicht effizient, sondern opportunistisch. Nicht alle Marktmitspieler haben die gleichen Möglichkeiten. Letztendlich wird ein Romney-System dazu führen, daß die Wohlhabenden in USA mehr Macht erhalten, Unternehmen und insbesondere Banken noch mächtiger und eigenmächtiger werden können, jedoch die Lage für die meisten US-Bürger sich verschlechtert. Schon heute ist jeder sechste US-Bürger im Sinne der UNESCO "arm".

Schaut man sich die anderen Witzfiguren an, die im Wahlkampf auf Republikaner-Seite antraten, ist das aus der Entfernung ja noch lustig, für US-Amerikaner einfach nur traurig. Die eine hält Homosexualität für eine Krankheit, der andere kann nicht bis drei zählen, noch ein anderer will Gold und andere Edelmetalle als Ersatzwährungen einführen, und ein Pizzachef will mit 9-9-9 das revolutionäre Steuersystem einführen, ohne auch nur entfernt eine Ahnung der Finanzierung zu haben.

Mitt Romney und Paul Ryan sind im Wahlkampf. Und da polarisiert man am besten mit Dingen, die keiner so recht kennt. Europa ist da ein sehr passendes Feindbild. Daß die Zahlen aus Deutschland beispielsweise aufgrund des Prinzips der Kurzarbeit dennoch besser als in USA sind, interessiert da wenig. Bloomberg hatte eine Umfrage, welche Begriffe man mit Romney assoziiert... "Lügner" und "arrogant" waren auf Spitzenpositionen :-)

Dürfte ich wählen, bekäme klar Obama meine Stimme.

da scheint jemand die USA besser zu kennen.

Für mich hat die Krise in den USA begonnen. Durch die massive Zockerei mit Subprime begannen die Verwerfungen doch erst.

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@CanCan

Nun, ich habe eine ganze Weile dort gelebt und natürlich sind Freunde und Bekannte in USA in verschiedensten Branchen tätig... allen voran IT und Finanzsektor :-) Da kann man sich gar nicht solchen Diskussionen entziehen.

Und sehr lustig ist es natürlich auch, wenn die US-Amerikaner zum ersten Mal ihren Fuß auf nicht US-Boden setzen - z.B. in Deutschland :-) Das finden sie dann alles recht putzig und wie in Disneyland - bis man ihnen dann ein 1200 Jahre altes Haus zeigt, das heute noch bewohnt wird... oder eine 2000 Jahre alte Brücke, über die heute noch Autos fahren. Dort ist ja ein Haus von 1920 schon unter Denkmalschutz.

Tja, ist schon ein lustiges Volk da drüben :-) :-) :-)

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Sehr geehrter Gandalf,

bei einer Sache muss ich dich jedoch berichtigen. Die tatsächliche Arbeitslosigikeit in Deutschland beträgt 11,9% Diese 6,8% die du genannt hast ist die geschönte Zahl, die die Regierung sich als eigene Leistung gerne zuschreibt. Nur dass in diesen 6,8% ein großer Teil der Arbeitslosen gar nicht mitgezählt wurde der aber mitgezählt werden muss. Schau mal hier: http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2012/10/27/september-119-prozent-der-deutschen-erhalten-arbeitslosen-geld/

Gruß

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Auf andere schimpfen kommt beim Wähler immer gut an. Und die US-Politiker die da schimpfen brauchen auch nicht noch mit 80 Jahren bei Wal Mart an der Kasse zu stehen und Tüten zu füllen nur weil sie ansonsten nichts zu beißen haben.

Glaubst du, dass unser System falsch ist? Ich denke nein. Amerikaner haben eben eine andere Sicht auf die Dinge. Für sie bedeutet "Freiheit" eben auch die Freiheit von Sozialabgaben, wer sich absichern möchte, der kann das ja selbst entscheiden. Wenn sie damit glücklich sind....Vielleicht sollte man aber auch nicht verschweigen, dass sich eine eigene Vorsorge nicht jeder leisten kann und daher doch ziemlich viel Elend herrscht. Die Folge: mehr Gewalt, mehr Straftaten. Wir erkaufen uns mit unserem Sozialsystem auch ein Stück Sicherheit. Und das Argument Arbeitslosenzahlen: das nur an den Sozialabgaben auszumachen ist lächerlich!! Was ist mit Faktoren wie Lohnhöhe, Ausbildungsstand, Kündigungsgesetze, Stärke von Gewerkschaften und die allgemeine wirtschaftliche Lage????? Dtl. hat derzeit eine Arbeitslosenquote von 6,8 %, die USA von 8,16% - und europäischen vergleich haben wir viele Sozialleistungen.

Im Wahlkampf kann man nicht unbedingt mit fundierten Analysen rechnen, da wird einfach nur irgendetwas rausgeplautzt, was das Wahlvolk hören möchte und in Amerika ist das eben Freiheit.

ich denke nicht, dass unser System falsch ist. Ich finde es gut, auch wenn es viel kostet. Soziale Sicherheit hat ganz klar Vorteile.

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ALG1 bze ALG1+2 wie läuft die Jobsuche?

Hallo Community,

ich habe mal eine bzw zwei fragen an euch, evtl. hat der ein oder andere ja Erfahrungen!

Ich bin zurzeit bei der Bundesagentur für Arbeit ( hört sich irgendwie besser an )

Habe hier mein ALG1 beantragt warte aber noch auf meine Arbeitsbescheinigung vom ehemaligen Arbeitgeber.

Ich bin gerade dabei mich selbstständig zu machen (ich brauche hierfür keinerlei Zuschüsse), aber habe ein wenig bedenken was die Nerverei vom Amt angeht.

Bei meinem vorsprechen habe wurde zwar im System mein alter Beruf, als Notlösung angegeben, aber auch mein Wunsch nicht außer acht gelassen letztenendes war vor einigen Tagen doch ein Jobangebot meines alten Berufes im Briefkasten der natürlich sofort in Richtung Mülleimer ohne Umwege gewandert ist.

Nun mal zum Hauptanliegen, ich weiche immer so schnell vom Thema ab...

Ich bin schon jetzt der Überzeugung, dass das ALG1 was mir irgendwann mal zugesprochen wird nicht ausreichen wird, hierbei bietet der Sozialstaat ja noch die Alternative mit ALG2 aufzustocken, was mir etwas Bauchschmerz macht, da wie ich mitbekommen habe man bei ALG2 deutlich nicht so viele ich sage mal Vorzüge genießen kann. Wie sieht es aus wenn ich mit ALG2 aufstocke verfallen die Freiheiten einen Job aus bestimmten Gründen abzulehnen?

Note: Ich habe aufkeinenfall vor mich langfristig mit dem kleinen aber doch zum leben nötigen Bugde des Staates einzudecken, meine Antragsstellung bezieht einzig und allein dem Hintergrund mein Lebensunterhalt bis zur einwandfreien Selbständigkeit zu decken (ja ich weiß ALG1 ist keine Lebensunterhalts Zahlung, doch wird sie von mir dazu mit verwendet und denke mal auch von fast jedem anderen der diese bezieht).

Fazit: Wenn ich mich selbständig machen will, erhalte ich dann trotzdem noch meine Leistungen wenn ich sachgerecht buch über meine Einnahmen und Ausgaben führe? Dazu muss ich ja im Prinzip keine Jobs annehmen oder Bewerbungen schreiben, da dies meine Ziele komplett blockiert und unnötig in die Länge zieht.

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