Frage von Risikofreak, 109

Wie sicher sind ETF in Krisenzeiten?

Haben bei größeren Kurskorrekturen an den Börsen physisch abgebildete ETF's die gleiche "Sicherheit" wie ein Aktienfonds?

Gibt es Risiken der physischen ETF's, die zu einem Totalausfall führen können?

Expertenantwort
von gandalf94305, Community-Experte für Aktienfonds & Fonds, 87

Zunächst mal sind ETFs einfach Fonds, d.h. sie müssen den gleichen Gesetzen und Vorschriften gehorchen wie gewöhnliche Fonds. Damit ist klar, daß die Rahmenbedingungen für alle ETFs und Fonds identisch sind und somit keine Risikounterschiede begründen. Insbesondere sind die Positionen in einem ETF Sondervermögen, d.h. wären von einer Insolvenz der Fondsgesellschaft, des Fondsmanagements, der Depotbank oder der Bank des Anlegers nicht betroffen. All dies gilt für replizierende, teilreplizierende und swap-basierte ETFs.

Auch gewöhnliche Fonds können Swaps, Wertpapierleihe,. Repo-Geschäfte und andere Mechanismen nutzen, um bestimmte Ziele zu erreichen. Während Swaps bei gewöhnlichen Fonds eher untypisch sind, findet man doch auch einiges an Optionen und Futures auf Aktien, Märkte oder Währungen.

Man kann sich nun überlegen, wo spezielle ETF-Risiken oder auch -Chancen liegen:

  • Ein Index ist eine klar definierte Strategie, von der bei einem Crash nicht abgewichen werden kann. Hat man also einen ETF auf einen Eurostoxx 50, der sehr bankenlastig ist, zufällig gerade zu Beginn einer Finanzkrise im Portfolio, so wird dieser mit dem Index abtauchen. Ein aktiv verwalteter Fonds könnte (selbst wenn er ansonsten sehr indextreu agiert) mit Puts weitere Verluste eingrenzen oder aber Schwerpunkte anders setzen. Die Indexbindung ist also bei ETFs ein Risiko.

  • Ein Index setzt sich aus wohldefinierten Konstituenten zusammen. Investiert jemand in einen ETF, so werden im Prinzip alle Konstitutenten in der Gewichtung im ETF parallel gekauft. Dies erhöht bei hochvolumigen ETFs die Korrelation im Markt, die bei Downturns höher ist als bei Upturns, da sich Anleger in Korrekturen eher wie eine Masse panischer Hühner verhalten, während bei Anstiegen diese Hühner teils verschiedene Körner aufpicken. Gewöhnliche Fonds können gezielt solche Korrelationen und Antikorrelationen identifizieren und nutzen bzw. diesen entgegenwirken. Viele Fonds tun dies nicht, aber bei guten Fonds wäre ein gutes Stockpicking zu erwarten.

  • Swaps und Termingeschäfte werden von den ETF-Gesellschaften oft mit der Mutter (einer Bank) abgeschlossen. Damit ist natürlich im Falle einer Insolvenz der Mutterbank durchaus das ETF-Vermögen weiterhin Sondervermögen, aber bestimmte Positionen daraus verlieren ihren Wert. Das kann natürlich ebenso bei der Insolvenz von Konstituenten (Aktien, Swaps, CDS, Termingeschäfte) in einem gewöhnlichen Fonds passieren. Bisher wäre mir kein Fall einer solchen Mutterinsolvenz bekannt, die auf ETFs deutscher Anleger durchgeschlagen hätte.

  • Die Nutzung von Wertpapierleihen und Repo-Geschäften führt in starken Kurskorrekturen zu einem erhöhten Risiko, da es Short Squeezes geben kann. Wenn man also von Long/Short- und anderen Strategiefonds absieht, wäre dies bei ETFs, die diese Verfahren nutzen, ein erhöhtes Risiko gegenüber gewöhnlichen Fonds.

  • Die Notwendigkeit, fortlaufend Kurse zu stellen und über den Börsenhandel zu gehen, verhindert effektiv die Option eines Swing-Pricing. Transaktionskosten schlagen daher gerade im Falle starker Kurskorrekturen und zahlreicher Liquidationswünsche für Anteile eines ETF stark zu Buche und belasten die verbleibenden Anleger. Hier gibt es zwar auch Mechanismen auf ETF-Ebene, jedoch sind diese bei einem herkömmlichen Fonds mit einer einzigen Preisfeststellung am Tag deutlich einfacher umzusetzen.

  • Bei swap-basierten ETFs gibt es dann noch die Frage nach dem Krisenverhalten des tatsächlichen Portfolios des ETF im Vergleich zum abgebildeten Index. Es kann also sein, daß wenn das Portfolio des ETF z.B. aus japanischen Aktien besteht, der Index jedoch der DAX ist, das Referenzportfolio deutlich mehr in japanspezifischen Problemlagen leidet als der DAX (und damit der beabsichtigte NAV des ETF). Letztendlich geht das zu Lasten des Swap-Partners bzw. der Swap-Partner, aber auch diese können ausfallen.

  • Physisch replizierende ETFs haben generell durch die Stückelung der Konstituenten ein Risiko der Fehlabbildung des Index - insbesondere, wenn auch noch Dividenden und Kapitalmaßnahmen zu berücksichtigen sind. Kursveränderungen einzelner Konstituenten, die von der Soll-Verteilung abweichen, werden daher den NAV des ETF geringfügig anders beeinflussen als den zugrundeliegenden Index.

Die spezifischen Risiken von ETFs ergeben sich also im wesentlichen aus der Indexbindung, der Nutzung bestimmter Finanzmarkinstrumente zur Abbildung des Index, sowie Abbildungsfehlern bei der Replikation.

Zu einem Totalausfall kann jedoch bei jedem Fonds nur der vollständige Ausfall aller Konstituenten führen. In diesem Punkt stimmen herkömmliche Fonds und ETFs wieder komplett überein.

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