Frage von zebra, 85

Weshalb sind ETFs so stark gefragt derzeit?

Man hört ständig, man solle doch in ETFs investieren, wieso sind sie gerade jetzt so beliebt?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von gandalf94305, 53

Grundsätzlich wurden ETFs für institutionelle Anleger geschaffen, damit diese zielgenau und kostengünstig in bestimmten Marktsegmente investieren können, ohne eine Einzeltitelauswahl und -beschaffung selbst durchführen zu müssen. So kann ein Fonds oder Vermögensmanagement mit Fokus auf Asien, jedoch noch ohne Exposure in Taiwan, Vietnam und Südkorea hätte, da man sich auf die übrigen Länder konzentriert, die Performance dieser Märkte einfach durch Beimischung entsprechender ETFs einkaufen. Die ETFs diversifizieren dabei über viele Einzeltitel.

Daher: ETFs waren seit ihrer Einfühung schon immer beliebt, wenn sie auch im Zuge einer "Geiz ist geil" Mentalität zunehmend beworben werden. Anleger lesen, daß 3/4 von Fonds ihre Benchmarks nicht schlagen. Konsequenz: man macht sich nicht die Mühe, das gute Viertel herauszufinden, sondern kauft bequemerweise einen ETF. Da der typische, harmlose Privatanleger keine große Ahnung von den Indexkompositionen und -eigenschaften hat, nimmt man eben einen, der in der Presse oft zu finden ist. Das wären DAX, Eurostoxx 50, DJIA... und vielleicht traut man sich ja noch in die Emerging Markets mit einem MSCI Emerging Markets.

Das ist IMHO die falsche Einstellung, denn ETFs sind kein Spielzeug, das eine risikolose Partizipation an Märkten ermöglicht. Sie bilden eine einfache, leicht nachzuvollziehende Strategie ab, die mangels besserer Strategien in einem Portfolio verwendet werden kann, jedoch muß jemand dann immer noch die Allokationen und Veränderungen der ETF-Positionen managen.

Die erste Frage ist die der Indexauswahl. Nehmen wir Europa. Nimmt man einen FTSE RAFI Europe, iStoxx 50 Equal Risk, MSCI Europe High Dividend, Stoxx Europe 600, MSCI Europe Value, MSCI Europe Growth, S&P Europe 350, MSCI Europe, MSCI Europe Large, Dow Jones Europe Sustainability Screened, STOXX Europe Strong Value 20, STOXX EUROPE SELECT DIVIDEND 30, STOXX Europe Strong Style Composite 40, MSCI Europe ex EMU, STOXX Europe Select Dividend 30, S&P EUROPE 350 SHARIAH, STOXX® Europe Strong Growth 20, MSCI Europe Minimum Volatility. Über den EURO STOXX 50 EQUAL WEIGHT muß man sich keine Gedanken mehr machen, da Ossiam das vor noch nicht allzu langer Zeit gerade erst aufgelegte Produkt zum 2. Januar 2014 wieder eingestampft hat.

Welcher Anleger weiß denn, welche Indices wann und ggf. in welcher Kombination sinnvoll sind? Welcher Anleger weiß, wann Ungemach droht und vielleicht umzuschichten ist? Welcher Anleger beobachtet überhaupt sein Portfolio entsprechend und handelt unerschrocken, wenn das nötig ist, anstelle eines Aussitzens von Verlusten?

Die Finanzindustrie und auch die entsprechenden Zeitschriften und sonstigen Publikationen polarisieren harmlose Anleger, indem sie bestimmte Dinge suggerieren. Man legt also beispielsweise ein paar üble Fonds zusammen (Deka findet da bestimmt im eigenen Fundus genügend davon) und stellt sie dann den eigenen ETFs gegenüber (kann Deka inzwischen ja auch). Der Anleger sieht die Schere zwischen den Entwicklungen und sagt sich, jetzt kaufe ich ETFs. Die sind billiger und besser.

Daß man sich mit jedem Index auch ein gewisses Volatilitätsrisiko, einen bestimmten Branchen- oder Länderbias, einen gewissen Währungsschwerpunkt, etc. erkauft, ist den wenigsten klar. So kommt es sicher in ein paar Jahren wieder zu Enttäuschungen der Anleger, die dann wieder lieber Fonds kaufen... oder Zertifikate in den wundervollsten Konstruktionen :-)

Ich bin der Meinung, man muß sich zunächst mal überlegen, in was man investieren will und wie groß dieses Segment im Portfolio sein soll. Dann kann man unter den vielen Investmentvehikeln am Markt diejenigen heraussuchen, die in Bezug auf Krisenrobustheit, Diversifikation und Schwerpunkte, Volatilität, Ertrag/Ausschüttungen oder schlichtweg NAV-Performance die besten sind. Da kommen dann manchmal herkömmliche Fonds heraus, manchmal ETFs.

Manchmal muß man auch die Waffen strecken und feststellen, daß es noch kein geeignetes Investment für das gewählte Segment gibt. Als die Emerging Markets am Anfang standen, war dies beispielsweise der Fall. Da mußte man dann ggf. über geschlossene Konstruktionen oder Fonds in USA/UK/der Schweiz investieren und steuerliche Nachteile in Kauf nehmen.

Manchmal gibt es nicht wirklich ein "bestes" Instrument, sondern nur zwei oder drei, unter denen man sich nicht entscheiden kann. Eins davon vielleicht ein ETF. Also nimmt man eben erst mal zwei oder drei.

Deutsche Anleger werden leider selten von einer Strategie in ihren Investments getrieben, sondern stark von dem Vertriebsdruck der sogenannten Berater und von ihrem Bauchgefühl (das von den Medien stark beeinflußt wird). Sie wünschen sich Sicherheit und hohe Renditen. Sicher scheint, worüber alle reden. Weit gefehlt. Es ist Zeit, sich mehr Gedanken über die eigenen Geldanlagen zu machen.

Kommentar von gandalf94305 ,

Un nun noch ein Addendum: investiert man langfristig mit regelmäßigen Sparraten für geringe Transaktionskosten, dann muß ein Instrument für die Anlage drei wesentliche Kriterien aufweisen:

  • es muß ein langfristiger Aufwärtstrend bestehen, d.h. tendenziell läuft das Instrument mit mind. der Inflationsrate als Zuwachs

  • es muß sich um ein Instrument handeln, dessen Gefahr einer Liquidation oder Verschmelzung sehr gering ist, damit nicht überraschend und zu einem für Anleger schlechten Zeitpunkt dieses Instrument vom Markt verschwindet

  • es muß eine einfache steuerliche Transparenz besitzen, so daß auch in 30 Jahren noch die Besteuerung korrekt möglich ist

Der erste Punkt wird dann durch Cost Averaging adressiert, wenn man langfristig spart. Man könnte also auf jedes beliebige Instrument, das einen langfristigen Aufwärtstrend aufweist, sparen... Diversifikation und alle anderen Regeln der Kunst ignorierend. Diversifikation hilft nur, die Auswirkungen von Rückschlägen und Volatilitäten zu begrenzen.

Beispiel: jemand, der in den SPDR S&P 500 (SPY) seit 10 Jahren investiert (Rate von 100 USD zu jedem ersten Handelstag im Monat seit dem 01.01.1994, letzte Rate am 02.01.2014) hätte ein Ergebnis von ca. +128%. Das wären ca. 4,2% p.a., d.h. auch nach Steuern wäre man im Plus.

Der Janus US Venture Fund oder der Threadneedle American Smaller Companies Fund, sowie ein paar weitere Fonds, die auch damals schon zu den "Guten" gezählt wurden, hätten dieses Ergebnis geschlagen, obwohl ihre Managementgebühren ein Vielfaches der Gebühren des SPDR-ETF sind.

Sofort einen ETF herauszusuchen, da dieser vermeintlich "billig" ist, wäre also dumm-naiv. Wohlinformiert nach einer Analyse festzustellen, daß es momentan kein sinnvolles Instrument für ein Marktsegment gibt und daher erst mal ein ETF zum "Mitschwimmen" genommen wird, wäre überlegt. Die vielen Werbeversuche zu ETFs bewegen sich von ihrer Argumentation leider im dumm-naiven Bereich.

Kommentar von gandalf94305 ,

seit 10 Jahren investiert

Sorry, die berechnete SPDR-Historie hier sind 20 Jahre :-)

Es muß für eine Historie von 10 Jahren korrekt lauten: "...hätte ein Ergebnis von ca. -17%. Das wären -0,95% p.a., nach Steuern wäre man sogar durch die Besteuern der positiven Jahr noch mehr im Minus."

Die genannten Fonds (wie auch weitere) sind im gleichen Zeitraum bei Besparung deutlich im Plus mit Renditen von im Mittel über 4% p.a., was zum Schlagen von Inflation und Steuern ausreicht.

Kommentar von GAFIB ,

Deutsche Anleger werden leider selten von einer Strategie in ihren Investments getrieben, sondern stark von dem Vertriebsdruck der sogenannten Berater und von ihrem Bauchgefühl (das von den Medien stark beeinflußt wird). Sie wünschen sich Sicherheit und hohe Renditen. Sicher scheint, worüber alle reden. Weit gefehlt. Es ist Zeit, sich mehr Gedanken über die eigenen Geldanlagen zu machen.

DH - sehe ich auch so. Es fehlt an Aktienkultur in Deutschland, da ist sogar der überwiegende Teil Europas (inkl. der sozialistisch anmutenden Franzosen) deutlich weiter, was sind positiv auswirkt auf deren Altersvorsorge und Vermögensaufbau. D bleibt da leider zurück, was schade ist.

Antwort
von Rat2010, 44

Weil sie sich schön beratungs- und für den Verkäufer risikolos wie Aktien verkaufen lassen. Jeder Kunde trägt das Risiko ganz alleine. Ob er will oder nicht.

Dazu kommt gute Werbung und noch viel besseres PR, sodass auch du glaubst, ETF wären für dich geeignet.

Wieso gerade jetzt? Aktien sind teurer geworden und das sorgt dafür, dass ETF auch im Preis gestiegen sind. Die Beliebtheit kommt vor allem daher, dass viele Anleger auch das Produkt nicht verstanden haben und statt einer Anlage, die sich immer etws schlechter als der dahinter stehende Index entwickelt, die Performance kaufen, die aber leider in der Vergangenheit liegt.

Wer wegen des Preisanstiegs kauft wird auch wegen des Verlustes verkaufen. Positive Rendite ist nicht ausgeschlossen aber halt - im Gegensatz zu Verlust - sehr, sehr unwahrscheinlich. Außer man verkauft gleich wieder aber das geht - schon wegen der Kosten - weit am Sinn des Produktes vorbei.

Antwort
von qtbasket, 29

Das kann man so nicht so undifferenziert sehen.

Privatanleger in Deutschland kennen dieses Finanzprodukt nämlich kaum. Das wird von denjenigen, die ETFs verkaufen, wie die Börse Frankfurt, ziemlich beklagt.

In anderen Ländern sieht das schon anders aus.

Institutionelle Anleger nutzen ETFs seit Jahren mit gutem Renditeerfolg.


ETFs sind günstig von der Kostenstruktur. Sie kosten eben die Handelsgebühren und die Fondsverwaltung, der sog. TER Wert, ist natürlich viel besser, als bei aktiv gemanagten Fonds. Aber sie bilden eben nur einen Index oder eine bestimmte Sparte ab. Das ist gut und schlecht zugleich. Gut, weil das Risiko breit gestreut wird und damit der private Anleger sein Verlustrisiko überschauen kann, schlecht, weil es immer wieder auch aktive gemangte Fonds gibt, die eine bessere Performance, zumindest kurzfristig erzielen können.

ETFs sind zur Altervorsorge, breit gestreut und nach dem cost average Effekt regelmäßig erworben, dauerhaft kaum zu schlagen - zumindest für den privaten Anleger !!!

Antwort
von freelance, 32

das hört man, seit es diese Produkte gibt und seitdem der Privatanleger diese Produkte kaufen kann.

Wieso? Weil die Kosten gering sind (im Vergleich zu Aktienfonds), weil man damit breit gestreut anlegen kann, weil viele aktiv verwaltete Aktienfonds schlechter abschneiden als ein Vergleichsindex.

Trotzdem sind ETFs nichts für Laien.

wieso sind sie gerade jetzt so beliebt

ist das so?

Wer indexnahe anlegen will, der wird einen ETF sicherlich genauer ansehen.

Antwort
von billy, 24

Viele greifen eben nach jedem Strohhalm.

Kommentar von qtbasket ,

Offensichtlich hast du noch nie einen ETF besessen !!! Dann mal viel Spass mit den 0,25% auf deinem Sparbuch. Mit einem ETF sind da nämlich ganz andere Renditen zu erzielen.

Kommentar von gandalf94305 ,

Ja, aber mit Fonds auch... und auch mit Zertifikaten... das kleine Adjektiv "geeignet" jeweils implizit angenommen, so wie auch Du bei "ETF" ja immer ein kleines "geeignet" davor annimmst :-)

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