Frage von freelance37,

Weltbank sieht die Finanzkrise gebannt. Wirklich?

die Weltbank äusserte sich, die Risiken für das Finanzsystem hätten sich deutlich verringert und die Probleme seien gebannt.

Ist das Finanzsystem nun wieder stabil, die Eurokrise am abflauen? Mag das so sein, obwohl die Defizite der Staaten weiterhin hoch sind, der Schuldenstand historisch sehr hoch. Passt das alles zusammen?

Ist nun wieder alles im grünen Bereich?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von gandalf94305,

Wunschdenken. Wie man in USA sieht, braucht es keine besondere Finanzkrise um für Unsicherheit zu sorgen :-)

Die USA und China reden ihre Wirtschaft schön und rechnen Zahlen nach Gutdünken aus... Europa freut sich mehr über die neuen 5-EUR-Scheine als sich zu fragen, was eigentlich Griechenland gerade macht... und die übrigen Länder tuckern so vor sich hin.

Es mag sein, daß die Finanzkrise gebannt ist, aber immerhin besteht noch eine Schuldenkrise, die sich in allen möglichen Industrieländern manifestiert. Das ist eine Vertrauenskrise, die viele Anleger von den Märkten immer noch fernhält, d.h. eine Partifzipation an den jüngsten Aufschwüngen der Aktienmärkte fand nicht statt.

Allerdings sehe ich die ganze Krisenlage nicht ganz so extrem in Europa wie in USA und Japan. Die südeuropäischen Staaten haben sich gefangen und werden zwar noch einen deutlichen Weg vor sich haben, aber Unternehmen liefern solide Zahlen. Spanien beispielsweise hat gerade ein Rekordexportjahr abgeschlossen. Deutschland schloß 2012 auch sehr gut ab. Der Export in nicht-Industrienationen half Europa, die Wirtschaft anzukurbeln.

Die USA legen sich jedoch selbst politische Steine in den Weg und stimulieren ihren Binnenmarkt gleichzeitig massiv, um sich aus der Lage herauszukaufen. Japan freut sich über eine Abwertung des Yen, muss jedoch auch sehen, daß dadurch wieder ein Währungswettlauf in Gang gesetzt wird, der insbesondere auch China einbezieht. Man kann sich eben nicht beliebig auf Kosten der anderen Staaten die eigene Währung abwerten. Das freut nämlich insbesondere die Anleihenkäufer in USD und JPY überhaupt nicht.

Die Risiken im Finanzsystem haben sich dadurch etwas verringert, daß die schwachen Banken inzwischen herausgeschüttelt wurden und der Eigenhandel in vielen Großbanken aufgrund der inhärenten Risiken reduziert wurde. Gleichzeitig lauern in den Bilanzen jedoch weiterhin Kredite und Verbriefungen von Forderungen, die bisher noch nicht bewertet wurden. Derivate im Billionen-Bereich liegen bei US-Großbanken, die sich in den nächsten Jahren erst auf die Bilanzen auswirken können. Wie es wirklich um die Banken steht, kann man an der Verzögerung der Bonus-Zahlungen bei Morgan Stanley erkennen - das ist eine uns gar nicht so bewußte, recht extreme Maßnahme der Bank. Auch die Erleichterungen der Basel-III-Auflagen kürzlich hat natürlich für Freude bei Banken gesorgt, zeigt jedoch klar, daß diese nicht in der Lage sind, im vorgegebenen Zeitplan die Vorgaben zu erfüllen.

Daher: deutliche Risiken im Finanzsystem gibt es weiterhin und auch die hohen Staatsverschuldungen sind nicht wirklich gelöst - geschweige denn, nachhaltig vermieden. Die Konsequenz: Anleger bleiben nervös.

Kommentar von freelance37 ,

ich kann nicht erkennen, dass Probleme gelöst sind. Es mag Entspannung geben, aber an den fundamentalen Problemen hat sich für mich zu wenig geändert. Und daher kann ich nicht nachvollziehen, dass Weltbank oder auch S&P davon reden, die Lage habe sich deutlich entspannt. Das klingt mehr nach Politik, etwas schön zu reden, wie man auch in den letzten Jahren die Eurokrise schlecht geredet hat.

Kommentar von gandalf94305 ,

Die Weltbank hat dies bereits im Juni 2011 gesagt:

http://web.worldbank.org/WBSITE/EXTERNAL/EXTDEC/EXTDECPROSPECTS/GEPEXT/0,,conten...

Ich sehe auch nicht, daß die damaligen Probleme gelöst sind und gehe daher davon aus, daß es sich nur um Rhetorik handelt - nicht eine qualifizierte Sachstandsanalyse.

Das Dumme dabei ist, daß Europa in Gestalt der EU inzwischen einen größeren Wirtschaftsraum mit besserem Ansehen vor allem in asiatischen Ländern darstellt als die USA. Da muss man sich selbst natürlich schönreden und die EU möglichst durch Hiobsbotschaften und "Analysen" herunterputzen.

Kommentar von Rat2010 ,

Dass das Problem für die Eurozone oder die USA nicht die Schulden sind ist eigentlich zu offensichtlich. Allein von Bedeutung ist, dass man jemanden findet, der einem Geld leiht.

Die Eurozone ist als Ganzes ein angenehmer Schuldner. Die niedrige Inflation sorgt für viel Spielraum nach oben und die Mittel, die eigenen Bürger die Schulden zahlen zu lassen, sind noch nicht ausgereizt. Entschulden kann man sich nur, wenn der Schuldendienst unter der Inflation liegt und sogar das ist für die Eurozone ein gangbarer weg. Auch wenn es das gar nicht braucht, weil die Inflation ja dafür sorgt, dass die Schulden trotz mäßiger Neuverschuldung weniger werden.

Die USA ist ein weit weniger angenehmer Schuldner. Wenn man denen die Schulden nicht abkauft (oder - was auf das selbe rauskommt - versucht, eine andere Währung stärker als den Dollar zu machen), muss man damit rechnen, dass die die stärkste und am schnellsten einsatzfähige Armee der Welt einsetzen, das zu verhindern. Man lebt auf Pump aber keiner kann etwas dagegen machen.

Wichtig ist für beide, dass Deflation verhindert wird aber wer will das angesichts der Einstellung der Zentralbanken bezweifeln?

Antwort
von Rat2010,

In Europa ist die Finanzkrise seit Draghis Rede Ende Juli 2012 (Euro wird mit allen Mitteln gestützt) und von Anfang September (Rettung des Euro um jeden Preis) abgehakt. Hätten wir viel früher haben können aber es braucht scheinbar einen Italiener, damit klare Worte gesprochen werden. Was soll in Europa kommen???

Hat oder hatte die USA eine Krise??? Etwas Stress zwischen den Parteien aber keine Krise, sondern eine starke Fed, eine marktorientierte Bevölkerung und eine noch stärkere Streitmacht, die jede auch noch so große Krise - notfalls mit Gewalt - zu einem Tief in einem Konjunkturzyklus werden lassen.

Japan hat eine Krise aber keine Finanzkrise und schon gar keine, die andere Länder ansteckt und der Rest der Welt hat sowieso entweder eine gute oder eine schlechte Zeit. "Die" Finanzkise sehe ich höchstens in Argentinien und in manchen Regionen könnte auch finanzpolitisch oder politisch etwas passieren. Ein Schuldenerlass für in Zeiten von Monarchie, Militärdiktatur und Faschismus entstandenen Schulden wäre dort hilfreich. Ich sehe sie aber keine Krise (mehr) in den für uns wichtigsten Regionen und schon gar nicht auf der ganzen Welt.

Die Frage ist mehr, ob man es hätte vorhersehen können, dass die Krise keine Gefahr sondern eine Chance ist. Ich denke, das hätte man.

Antwort
von traderjoes,

Man kann es auch so sehen, dass sich die Staaten derzeit auf Kosten der Steuerzahler und Anleger entschulden -> Stichwort: Finanzielle Repression.

Ansonsten sehe ich es auch so, dass die akute Krise für das Finanzsystem vielleicht überwunden ist. Die Schuldenkrise der Staaten ist jedoch noch (lange) nicht überwunden.

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