Frage von chemsedd, 32

Was sagt das Zinsänderungsrisiko aus?

Bedeutet es dass das Risiko besteht dass sich der Marktzins ändert während ich festverzinsliche Wertpapiere besitze und somit Opportunitätskosten im Sinne von nicht erhaltenen Zinsen habe? ( Im Fall dass der Marktzins höher ist als der Zinssatz auf der Anleihe)

Antwort
von Finanzschlumpf, 9

Kommt darauf an.

Es bedeut ganz generell gesprochen, dass das Produkt im weitesten Sinne ( Anleihe , Derivat , Fonds, sonstiges ) zinssensitiv ist. D.h. entweder die Ausschüttung, der Endwert oder der zwischenzeitliche Veräußerungswert sind abhängig von einem ( oder mehreren ) Zinssätzen.

Wie sich dies im Detail bemerkbar macht, hängt von der jeweiligen Produkspezifikation ab und sollte ermittelbar sein.

Bei festverzinslichen Wertpapieren besteht das Zinsänderungsrisiko in der Regel nur darin, dass der - in der Regel mögliche - Verkauf vor Erreichen der Endfälligkeit, evtl. nicht zum Anschaffungskurs möglich ist. Streng genommen besteht aber eine Zinschance.

Antwort
von Mikkey, 32

Im Fall von festverzinslichen Papieren bedeutet es, dass bei steigenden Marktzinsen der Kurs des Papiers soweit fällt, dass die Zinszahlungen plus der Kursdifferenz (zu 100) gerade dem marktüblichen Zins vergleichbarer Papiere entspricht.

Behältst Du das Papier, hast Du kein Zinsänderungsrisiko, sondern lediglich das Wissen, dass Du mehr aus dem Geld hättest machen können (kannst Du als Opportunitätskosten bezeichnen).

Antwort
von althaus, 22

Das Zinsänderungsrisiko wird erst dann relevant, wenn Du nach dem Kauf der Wertpapiere und vor Fälligkeit verkaufen möchtest. Behälst Du die Anleihe bis zur Fälligkeit, brauchst Du Dich um das Zinsänderungsrisiko nicht zu kümmern, dann ist es gleich 0. Denn bei Fälligkeit wird die Anleihe zu 100% zurück gezahlt. 

Ich komme zurück auf mein Beispiel. Es gab mal eine Zeit, da waren die Zinsen wesentlich höher als heute. Das war noch meine aktive Zeit in der ich noch gearbeitet habe, daher nehme ich mal die Zinssätze von damals, da es sich leichter rechnen läßt.

Nehmen wir mal an Du kaufst heute eine 10 Jährige Bundesanleihe zu 100%. Der Kupon entspricht 6% und die Rendite ebanfalls 6%. 

Wie Du weisst, paßt sich die Remdite der Anleihe der Marktrendite an. Das nennt man Zinsänderungsrisiko. Fällt die Marktrendite für 10 Jährige Anleihen um 1% auf 5%, dann steigt der Kurs Deiner Anleihe. Warum: Weil sie einen Kupon von 6% verspricht und somit 1% mehr an Zinsen zahlt als die Marktrendite. Der Kurs wird sich also in Richtung 107% bewegen, weil die Anleihe stark gekauft wird, da sie mehr Zinsen bietet als der Markt. Erreicht die Anleihen den Kurs von 107%, dann bietet sie auch keinen Vorteil mehr gegenüber anderen Anleihen mit gleicher Laufzeit. Das Zinsänderungsrisiko war zu Deinem Vorteil. Entweder Du verkaufst nun die Anleihe mit einem Gewinn von 7% oder Du behälst sie, weil Deine Anleihen Dir vom Kaufkurs eine sehr gute Rendite bringt und zwar von 6%. Verkaufst Du sie, hast Du zwar einen Gewinn von 7% vor Steuern realisiert, aber dafür das Problem, daß im Markt nur noch 5% Rendite angeboten werden für dieselbe Laufzeit. Für die restliche Laufzeit würdest Du 1% pro Anno verlieren. Also macht es Sinn die Anleihe doch zu behalten. 

Das Spiel geht aber auch noch in die andere Seite. Nehmen wir an der Marktzins steigt um 1% auf 7%. Dann isnteressiert sich keiner mehr für Deine Anleihe, denn die Kaufrendite war ja 6%, also wird der Kurs fallen, da die Anleger die Anleihe verkaufen um ihr Geld nun zu 7% anzulegen. Das wird sehr schnell gehen und Deine Anleihe wird sich bei 93% fangen, denn dann hat sie wieder die Marktrendite von 7% erreicht und somit aauch keinen Nachteil mehr als die Anleihen mit gleicher Laufzeit im Markt die bei 7% rentieren. Durch Deinen Kupon von 6% und dem Kursgewinn von 7% zum Laufzeitende kommst Du auf eine Rendite von 7%. Da Du sie aber zu 100% gekauft hast, hast Du wegen Deinem 6% Kupon nur eine Rendite über 6%. Dadurch daß sich deine Anleihe dem markt angepaßt hat, hat sie nun 7% am Kurs verloren. Das nennt man auch Zinsänderungsrisiko, weil der Marktzins um 1% gestiegen ist, die Deine Anleihe im Kurs verloren hat. 

Fazit: erwartet man fallende Zinsen, kann die Laufzeit der Anleihe nicht lang genug sein die man kauft. Denn dann ist von Kursgewinnen auszugehen.

Erwartet man steigende Zinsen, kauft man nur kurzfristige Anleihen mit der Laufzeit bis zu 2-3 Jahre, denn diese verlieren relativ wenig bei einer Zinssteigerung und man kann nach 2-3 Jahren das fällige Geld wieder zu höheren Marktzinsen anlegen. Das Zinsänderungsrisiko ist somit gering. 


Ich hoffe es war ein wenig verständlich. 


Gruß althaus. 

Kommentar von chemsedd ,

Wieder mal mit Abstand die beste Antwort. Vielen Dank für Ihre Mühe, es war sehr verständlich!

Kommentar von althaus ,

Ergänzung: Jeder sollte Anleihen im Depot halten. Das war zumindest die Aussage die damals galt, als die Marktrendite um die 4% - 6% war, denn wie Du aus meinem Beispiel erkennen kannst stabilisieren Anleihen das Depot. Wer von der Bonität gute und solvente Anleihen hält, hat immer einen festen und sicheren Zins den er bekommt und eine feste Rückzahlung bei Fälligkeit. Aktien hingegen habe auch Erträge in Form einer relativ sicheren oder unsicheren Dividende aber dafür keinen Rückzahlungskurs garantiert, denn der richtet sich nach Angebot und Nachfrage am Aktienkurs. Er kann 10 bis 15% höher sein, wenn Du verkaufen willst, aber er kann auch 30% - 40% tiefer sein, um mal pessimistisch zu sein. Daher stabilisieren Anleihen das Depot, weil sie nicht so stark schwanken wie Aktien und zudem eine sichere Rückzahlung gewähren. 

Leider sind wir in einer Phase, wo solide Anleihen kaum noch Rendite bringen. Es gibt zwar Möglichkeiten Anleihen von schlechter Qualität zu wählen die Renditen weit über 6% bringen, dafür ist aber die Rückzahlung gefährdet. Dieses Risiko ist nicht zu verachten, denn das nennt man Bonitätsrisiko. Im Grunde genommen das wichtigste Kriterium, wenn man Anleihen kauft. Die Bonität kann nicht gut genug sein, denn die gesamte Rückzahlung incl. Zinszahlung kann gefährdet sein. Das sollte man vermeiden. 

Fazit: Derzeit gibt es nur sehr wenige Anleihen die es sich lohnt zu kaufen. Mit viel Glück bekommt Du einen Soliden Schuldner mit gerade mal 2-3% Rendite. Eine Alternative ist es sich Dividendenaktien herauszusuchen, die eine Dividendenrendite über 3% und mehr versprechen. natürlich hat man dann das Kursrisiko, aber es bleibt überschaubar, wenn man nur Bruchteile seines Vermögens in Aktien investiert, was man die nächsten 5 Jahre oder  länger nicht braucht. . 

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