Frage von blackleather, 60

Verzockt

Einleitung: Hingerissen von meinem unverbesserlichen Zockertrieb habe ich im letzten Jahr u.a. einige Positionen Optionsscheine erworben, die bei Fälligkeit entweder total wertlos waren oder mit noch 0,001 € (in Worten: ein Zehntel Cent) pro Stück verkauft werden konnten. Im letzteren Fall ist die Differenz zwischen Veräußerungserlös und Anschaffungskosten jeweils in meinem bei der Bank geführten "Verlusttopf" gelandet.

In den übrigen Fällen hat mir die Bank lediglich ein freundliches Schreiben geschickt und mitgeteilt, dass die Wertpapierposition aus dem Depot wegen totaler Wertlosigkeit ausgebucht worden ist.

In beiden Fällen ist das Geld weg - so weit, so gut. Bei dem, was im Verlusttopf landet, kann ich aber wenigstens, falls mal wieder fette Jahre kommen sollten, noch gegen spätere Gewinne aufrechnen. Die Totalverluste hingegen tauchen nirgends auf und auch das Finanzamt erfährt nicht automatisch davon.

Fragen: Sind auch diese Totalverluste, bei denen die Papiere einfach ausgebucht werden und die Anschaffungskosten sozusagen im Sande versickern, einkommensteuerlich irgendwie verwertbar? Ich denke ja spontan an (negative) Gewinne aus Veräußerungsgeschäften (§ 20 Abs. 2 EStG), aber da zuckt meine Bank mit den Schultern und sagt: Geht wohl net, eine Veräußerung hat ja gar nicht stattgefunden, die Papiere sind einfach von einem schwarzen Loch aufgesogen worden.

Da regt sich in mir wiederum etwas Ärger, hervorgerufen durch sich aufdrängende Analogien zu anderen Einkunftsarten. Wenn ich z.B. an einer Kapitalgesellschaft beteiligt bin, die pleite geht, ist meine Einlage auch weg, aber über § 17 EStG kriege ich den Verlust in meine Steuererklärung. Wieso soll es bei Veräußerung zum Preis von nahezu Null möglich sein, aber bei Verlust durch Totalnull nicht - klafft da nicht eine ausfüllungsbedürftige Lücke im Gesetz?

Anzeige
Antwort
von expermondo, 5

Hallo blackleather,

Schau mal bitte hier:
Steuererklärung Wertpapiere

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von alfalfa, 60

Nun, dazu hat sich bereits das BFH geäußert - BFH AZ. IX R 50/09 IX R 12/11 und zugunsten der Anleger entschieden, dass dieses im Fall des Totalverlustes steuerlich geltend machen kann.

Doch die Finanzverwaltung hat die Anwendung des BFH Urteils am 27.3.2013 für die Arä der Abgeltungssteuer (ja ich weiß den Begriff gibt es nicht) ab 2009 nicht übertragbar ist. - Ohne Begründung!

Good Luck!

Kommentar von wfwbinder ,

Auch wenn es mir gegen den Strich geht, es ist schon so, dass dieses Urteil nicht zur neuen Rechtslage passt.

Antwort
von gandalf94305, 46

Es wird bei solchen Geschäften leider unterschieden, ob der Verlust auf steuerlich irrelevanter Vermögensebene oder auf steuerlich relevanter Ertragsebene erfolgt.

Vermögensebene: wenn Papiere ausgebucht werden oder wertlos verfallen, dann ist das ein Vermögensverlust. Ein abgeschlossenes Geschäft (Kauf und Veräußerung) hat ja nicht stattgefunden.

Ertragsebene: wenn innerhalb der steuerlich relevanten Fristen für die Besteuerung von Erträgen (positiv wie negativ) Geschäfte abgeschlossen werden (Veräußerung muß sein), sind die Verluste auch steuermindernd.

Die Totalverluste von Aktien mit Delisting oder wertlos verfallenen Optionsscheinen ohne Rückkauf für einen symbolischen Betrag sind daher leider Dein Privatvergnügen. Für die Zeit ab Einführung der Abgeltungssteuer werden Vermögensverluste nicht berücksichtigt - es gibt ja auch keine Vermögenssteuer.

Diese etwas seltsame Interpretation von Beträgen knapp über Null und Beträgen von Null führt zu der leider gesetzeskonformen Interpretation, die Du darstellst.

Antwort
von wfwbinder, 38

Du hast Recht, es ist entweder vom Gesetzgeber gewollt gewesen, um Menschen noch mehr vom spekulieren abzuhalten, oder aber man hat es einfach vergessen einzusetzen "ein Totalverlust ohne Verkauf, steht einem Verkauf gleich und ist mit einem Veräußerungspreis von 0,- Euro zu bewerten."

Was dagegen spricht, dass es vergessen wurde ist, dass ja bei einem Verkauf nicht nur ein noch so geringer Veräußerungserlös erzielt werden muss, sondern auch, dass der Veräußerungserlös, die Veräußerungskosten überschreiten muss.

Interessant wäre, was die höchsten Gerichte sagen würden, wenn das mal einer durchklagt.

Kommentar von blackleather ,
Interessant wäre, was die höchsten Gerichte sagen würden, wenn das mal einer durchklagt.

Du weißt schon, was es bedeutet, wenn man einen alten Zocker wie mich auf solche Gedanken bringt, ja?

Kommentar von EnnoBecker ,

Nenn mir recht bald das Aktenzeichen und sueh zu, dass du vor den BFH kommst. Dann kann ich hier zig Einsprüche ruhend stellen.

Ich sehe das wie wfwbinder: Entweder eine Regelungslücke oder profiskalisch gewollt.

Oder man hat die Regelungslücke erkannt und sich dann drüber gefreut wie Hotte und sie tatenlos hingenommen.

Kommentar von blackleather ,
Dann kann ich hier zig Einsprüche ruhend stellen.

Du hast also solche Fälle auch schon in der Praxis gehabt?

Kommentar von EnnoBecker ,

Du nicht?

Kommentar von blackleather ,

Nein. Ich könnte ja jetzt behaupten: Ich teste sowas immer erst im Selbstversuch...

Aber im Ernst: Entweder habe ich keine an der Börse zockenden Mandanten oder diejenigen, die zocken, bemerken nicht, dass ihre Totalverluste sang- und klanglos verschwinden und vertrauen auf die Richtigkeit ihrer Erträgnisaufstellungen.

Kommentar von EnnoBecker ,

Bei mir stellt sich das Problem anders.

Ich mache ungern Einkommensteuererklärungen. Lieber befasse ich mich mit KapGes oder KapCo, da stellt sich die Frage nicht so.

Aber die EStE der Beteiligten kann ich ja leider nicht verhindern.

Kommentar von wfwbinder ,

Ich hätte ja schon eine Lösung, aber die Leute melden sich ja immer erst, wenn sie mit dieser Art Geschäft auf die Nase gefallen sind. Mit Vorbereitung hielte ich es für lösbar.

Kommentar von EnnoBecker ,

Natürlich. Man muss ja nur dafür sorgen, dass ein Verkauf stattfindet.

Kommentar von blackleather ,

Wenn wir konsequent zwischen Vermögensebene und Ertragsebene unterscheiden müssen, worauf hier einige Kommentare hinweisen und der BFH dies auch in der von alfalfa zitierten Rechtsprechung getan hat, hat es doch keinen Zweck, die Sache vor Gericht zu ziehen.

Kommentar von EnnoBecker ,

Deswegen ja auch Plan B von wfwbinder.

Kommentar von blackleather ,

Mit Rücksicht auf einige Literaturstimmen und die BFH-Rechtsprechung vom 26. 9. 2012 habe ich nun erst mal Einspruch eingelegt und hoffe, dass ich damit zügig vor das FG gehen kann. Die Literatur und die Urteilsgründe geben schon mit guten Argumenten Anlass zur Hoffnung.

Kommentar von EnnoBecker ,

Sprungklage?

Antwort
von EnnoBecker, 28

Da bleibt dir im Vorfeld nur die Möglichkeit, das nicht mit Optionen zu machen, sondern mit Gesellschaftsanteilen und im Zweifel soviel nachzukaufen, dass du damit in den § 17 kommst.

Diese Ergänzung, damit wfwbinder dat Schternsche kriegen kann.

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community