Frage von Garfield22, 123

Wie läuft es bei Versteuerung vom Veräußerungsgewinn?

Wenn man Aktienfonds z.B in 2015 kauft und 30 Jahre später verkauft, muß man dann den kompletten Gewinn in einem Jahr versteuern?

Aber ist die Steuer dann nicht viel höher, als wenn man das Jahr für Jahr versteuern würde?

Dann ist es also besser, wenn man seine Aktien regelmäßig verkauft und wieder neu kauft, um nicht so einen riesen Klumpen versteuern zu müssen?

Schönes Wochenende an alle.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von gandalf94305, Community-Experte für Aktienfonds, Fonds, Steuern, 99

Wenn Du einen Aktienfonds in 2015 kaufst und in 2045 verkaufst, dann gibt es verschiedene Fälle, die von der Art des Aktienfonds abhängen. In einem dieser Fälle gibt es Besonderheiten zu beachten, die Dich bei Nichtbeachtung viel Geld kosten können.

[*] Hinweis für unten: steuerfrei = mit einem Verlusttopf Allgemein,  anrechenbarer Quellensteuer, einem Restbetrag des Freistellungsauftrags oder im Rahmen einer NV-Bescheinigung zu verrechnen.

1. Fonds hat deutsches Domizil

Die Besteuerung findet jährlich für alle ausgeschütteten und thesaurierten Erträge statt. Sind diese Erträge in steuerfrei (siehe [*] oben), bekommst Du die von der Fondsgesellschaft gezahlten Steuern zurückerstattet, d.h. die volle Ausschüttung bzw. auch bei thesaurierenden Fonds die dafür gezahlten Steueranteile ausgezahlt.

Du musst also nur die Kursgewinne bei Veräußerung versteuern.

2. Ausschüttender Fonds hat ausländisches Domizil

Die Besteuerung findet mit den Ausschüttungen statt, d.h. egal ob monatlich, quartalsweise, halbjährlich oder jährlich, die relevante Steuer wird von Ausschüttungen durch Deine Depotbank einbehalten. Bei bankenübergreifenden Verrechnungen im Rahmen der Verlagung zur Einkommensteuer kannst Du hier ggf. etwas zurückbekommen, z.B. wenn Veruste bei der einen Bank mit Gewinnen bei der anderen verrechnet werden oder bei der Aufteilung des Freistellungsauftrags auf mehrere Banken dieser bei einer nicht ganz ausgeschöpft wurde.

Bei Veräußerung werden nur die Kursgewinne besteuert.

3. Thesaurierender Fonds hat ausländisches Domizil

Die Besteuerung findet nicht automatisch statt. Du musst selbst für alle Fonds, deren Geschäftsjahresende in dem jeweiligen Steuerjahr liegt, aus dem Bundesanzeiger die anzuwendenden ausschüttungsgleichen Erträge bzw. anzurechnenden Quellensteuern heraussuchen, mit der zum Geschäftsjahresende relevanten Anzahl von Anteilen multiplizieren und als Korrekturbetrag in der Anlage KAP aufführen. Damit werden diese jedes Jahr korrekt besteuert.

Bei Veräußerung wird der gesamte Kursgewinn besteuert, was zunächst mal eine Doppelbesteuerung ist, denn ein Teil der Kursgewinne besteht ja aus den thesaurierten Erträgen der Vorjahre seit Kauf. Daher weist Du in Deiner Einkommensteuererklärung (Anlage KAP) dies aus und verwendest nun einen negativen Korrekturbetrag, der den Kursgewinnen plus den ggf. im Veräußerungsjahr angefallenen thesaurierten Erträgen entspricht. Der Rest ist ja schon versteuert. Damit kannst Du einen sehr deutlichen Anteil zurückerhalten.

Vermeidung der Doppelbesteuerung

Dafür gibt es ein paar einfache Mechanismen, die jedoch erfordern, daß Du Deine Ertragslage und die Fonds überblickst.

1. Schöpfe in jedem Jahr die Freistellungsaufträge, Verlusttöpfe, Quellensteuern aus! Fehlt noch etwas, verkaufst Du eine Fondsposition im Gewinn vor dem Jahresende und kaufst die gleiche taggleich wieder (natürlich idealerweise ohne Ausgabeaufschlag). Damit werden Gewinne realisiert und besteuert. Für die Folgejahre gilt dann jedoch der höhere Anschaffungspreis und damit sind die in Zukunft zu besteuernden Gewinne niedriger. Das lohnt sich natürlich nur so recht, wenn man bei der Depotbank keine Ausgabeaufschläge und sonstigen Transaktionsgebühren zahlt.

2. Vergiß nicht die jährliche Besteuerung der ausländischen thesaurierenden Fonds! Wenn ein Fonds jedes Jahr 800 EUR thesauriert, müsstest Du für 10 Jahre nichts versteuern (da im Freistellungsauftrag enthalten und angegeben) und wenn der Fonds dann letztendlich verkauft wird, bleiben nur die Kursgewinne übrig. Wird dies jedoch nichts angegeben, so fallen im 10. Jahr 8.000 EUR an Erträgen der Vorjahre (zzgl. Kursgewinne) an und Du musst davon grob 7.200 EUR versteuern (zzgl. Kursgewinne). Die Steuern auf diese 7.200 EUR wären zu vermeiden gewesen, wenn Du dies jährlich korrekt gemacht hättest.

3. Wähle bevorzugt ausschüttende Anteilsklassen in EUR oder thesaurierende Fonds mit Thesaurierungen von Null! Manche Fonds gibt es in mehreren Anteilsklassen, ausschüttend/thesaurierend, EUR/USD/CHF, hedged/unhedged, ... Manche Banken führen die Wiederanlage von Ausschüttungen gleich wieder durch, so daß dies auch einer Thesaurierung entspricht - aber einer nach Besteuerung. Damit liegst Du aufgrund des Steuerabzugs zwar leicht hinter dem reinen Thesaurieren auf Fondsebene, aber Du kannst ja einfacher in Kurstiefs auch ein paar Anteile nachkaufen. Fonds, die nur Kursgewinne ausweisen, sind natürlich auch ganz einfach, da es nämlich keine Doppelbesteuerung gibt und auch keine jährlichen ausschüttungsgleichen Erträge.

Kommentar von Garfield22 ,
2. Vergiß nicht die jährliche Besteuerung der ausländischen thesaurierenden Fonds!

Aber was zu versteuern ist, das wird doch sicher in den jährlichen Steuerbescheinigung ausgewiesen? In den Jahresbescheinigungen steht doch sogar schon immer idiotensicher drin, in welche Zeile man was einzutragen hat? (Diba und FBB). Bei zwei Fonds muß ich zwar immer im Bundesanzeiger nachsehen, aber das steht als Hinweis auch auf der Jahresbescheinigung.

Oder kann man trotzdem etwas falsch machen?

Kommentar von gandalf94305 ,

Aus meiner eigenen Erfahrung: die FFB ist die einzige der Banken meiner Depotvergangenheit, die korrekte steuerliche Bescheinigungen ausstellt. ING-Diba, comdirect und DAB Bank tun dies nicht. Bei diesen werden verschiedene Werte falsch ausgewiesen bzw. nicht später korrigiert. Die comdirect verlangt für die ausführliche Aufstellung sogar eine Gebühr. Das betrifft im wesentlichen zwei Punkte:

- Schätzwerte beim Verkauf von Fondsanteilen zwischen Geschäftsjahresende und Publikation der steuerlichen Daten

- Geschäftsjahresenden, die so liegen, daß die Publikationen der steuerlichen Daten deutlich nach dem Jahresende erfolgen (z.B. Fondsgeschäftsjahr endet am 31.12., Publikation der steuerlichen Daten zum 15.04. des Folgejahres). Diese Daten sind dann weder in Deiner Steuerbescheinigung des einen, noch des Folgejahres enthalten.

Manche Banken ignorieren sogar die ausländischen thesaurierenden Fonds und weisen Anleger nur sehr verborgen darauf hin, daß man sich um die steuerlichen Angelegenheiten schon selbst kümmern müsse = die Daten der restlichen Fonds müssen aus dem Bundesanzeiger herausgesucht werden.

Antwort
von LittleArrow, 65

Du hast einen umfassenden Überblick über die Besteuerungsproblematik bei den verschiedenen Fondstypen schon von gandalf94305 erhalten. Eine sehr gute, strukturierte Antwort.

Ergänzend möchte ich noch auf Quellen aufmerksam machen, wo Du die benötigten Daten z. B. über das Domizil, Ertragshöhe oder die Ertragsverwendung der in Frage kommenden Fonds findest. Dies findest Du in folgendem Artikel von Finanztip:

http://www.finanztip.de/indexfonds-etf/thesaurierende-fonds/


Expertenantwort
von wfwbinder, Community-Experte für einkommensteuer, 48

Da es der Abgeltungssteuer mit 25 % + Nebensteuern unterliegt, sind 25 % auch in 30 Jahren 25 % (soweit das Gesetz bis dahin nicht geändert wird, aber dann gibt es Übergangsfristen, wegen Bestandsschutz.

Also das Regelmäßige Verkaufen udn neu kaufen (wenn es keine andere Gründe für die Umschichtung gibt), würde nur Gebühren erzeugen.

Wenn ich jährlich 1.000,- Euro gewinne udn 250,- Euro abführe habe ich in 30 Jahren 30.000,- Gewinn gehabt udn 30 * 250,- Euro gezahlt = 7.500,-.

30.000,- auf einen Schlag sind mit 25 % auch 7.500,- Euro.

Umgelehrt ist sinnvoll. Weil ich ja die noch nicht fällig Steuer auch anspare udn einen Zinseszinseffekt habe,


Kommentar von gandalf94305 ,

Bei Fonds sind i.a. die Verkäufe nicht mit Gebühren belastet (modulo Rücknahmeabschläge und Verkauf über die Börse) und die Käufe können bei geeigneter Wahl einer Fondsbank ohne Ausgabeaufschlag und sonstige Gebühren stattfinden. Damit ist die steuerliche Realisierung durch taggleichen Verkauf und Wiederkauf einer Position oder Teilposition meiner Meinung nach durchaus eine Option, steuerfreie Möglichkeiten in einem Jahr maximal auszuschöpfen und einen Teil der Gewinne vorzuverlagern.

Kommentar von gandalf94305 ,

Und was die Rechnung mit den 1.000 EUR anbelangt: klar würde man bei einer Ausschüttung in dieser Höhe bzw. dem Verkauf und Wiederkauf dann die Steuern von 250 EUR plus SolZ und ggf. KiSt zahlen. Dann ist das aber erledigt und man könnte zeitgleich für diesen Betrag einen Kauf von Fondsanteilen durchführen.

Das sieht aus wie ein Nullsummenspiel, ist es aber nicht, wenn man die Verrechnung mit Verlusttöpfen, die Freistellungsaufträge und ggf. anrechenbare Quellensteuer mit einbezieht, da dadurch ja steuerfreie Sockelbeträge definiert werden. Diese gilt es auszuschöpfen. Die 1.000 EUR könnten also mit der Verrechnung mit 200 EUR Verlusttopf und 800 EUR Freistellungsauftrag steuerfrei sein! Das wären sie nicht, wenn man alles in einem Klumpen in 30 Jahren erst verkauft, da dann nicht der 30-fache steuerfreie Betrag gilt, sondern eben auch nur wieder der einfache.

Kommentar von wfwbinder ,

@gandalf

die Sache mit dem FReibetrag habe ich nicht beachtet. Eindeutig verpennt.

Bei den Gebühren bin ich nach den Dingen, die ich bisher sah, anderer Ansicht. Verkauf und Neukauf von Anteilen sind immer mit gebühren verbunden (ggf. von Innen).

Die Umschichtung von AKtien und anderen Papieren innerhalb der Fonds sind kostenlos.

Kommentar von LittleArrow ,

soweit das Gesetz bis dahin nicht geändert wird, aber dann gibt es Übergangsfristen, wegen Bestandsschutz.

Auf diese 3 Voraussetzungen würde mich in dieser BRD nicht mehr verlassen.

Die Debatte der Abschaffung der "unsozial günstigen" Abgeltungsteuer wird bereits geführt. Was dann kommt, nennen Journalisten "Besteuerung zum persönlichen Steuersatz" und Fachleute "Besteuerung zum persönlichen Grenzsteuersatz", also persönliche Höherbesteuerung der Kapitalerträge für alle, die ein zu versteuerndes Einkommen von ca. € 15.700/Jahr haben. Für alle Einkommen unterhalb dieses Betrages gilt die sog. antragsgebundene Günstigerprüfung, aber die ließe sich natürlich auch noch abschaffen.

Und Bestandsschutzregeln sind auch nicht zuverlässig und fallen sog. Vereinfachungs- oder Solidaritätsregeln zum Opfer. Kapitaleinkünfte (vielleicht sogar auch Mieteinkünfte) werden vielleicht künftig bei allen Beitragszahlern in die Berechnungsbasis für die GKV-Beiträge einbezogen. Der flächendeckende Datenabgleich (Steuer-ID) macht's möglich. 

Kommentar von wfwbinder ,

Ich denke an die lange Übergangsfrist bei der Einführung der jetzigen Regeln.

Natürlich wäre die kürzer, wenn sich "nur" der Steuersatz ändern würde.

Auch kann ich die Argumentation für die normalen Steuerregel verstehen, denn warum muss jemand der hart arbeitet, für einen Teil seines Gehaltes über 25 % Steuern zahlen, während für Jemanden der glücklicher Weise eine große Summe geerbt hat udn von den Dividenden leben kann und die knappe Freizeit von Montags 8:00 bis Sonntagabend 20:00 Uhr dazu nutzt zu golfen, oder anderen Vergnügungen nachzugehen, seine Steuer bei 25 % gedeckelt hat.

Natürlich war bei Einführung der Sinn dieser Regelung gegeben und ist auch gegenüber Regelungen in anderen Ländern gegeben.

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