Frage von Leppi,

Kredite, Libor und Leitzins

Hallo, ich würde gerne wissen, ob es einen Grund gibt, warum sich so viele Kredite, Einlagenzinsen und Geldmarktprodukte am Libor bzw. Euribor als Referenzzins orientieren. Könnte man nicht hingegen all diese Finanzprodukte am Leitzins der Notenbanken orientieren - also im Euroraum an den Leitzins der EZB? Welchen Vorteil bieten hier Libor und Euribor?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von gandalf94305,

Der Euribor ist für die in EUR handelnden Banken der Referenzzinssatz für Kredite und Festgelder. Du findest außerdem noch für kurzfristige Kredite den EONIA-Satz.

Diese stellen eine realistischere Kenngröße dar als der Leitzinssatz der ECB, da die ECB-Anforderungen zur Besicherung von Krediten höher sind als bei Krediten von Banken untereinander. Hier steckt außerdem noch eine Risikoeinschätzung der Kreditvergabe im Zinssatz.

Im Grunde könnte man auch einen ECB-Leitzins plus fixen Spread als Basis für einen Kredit vereinbaren, wenn es um ein sehr großes Darlehen beispielsweise eines Staates geht.

Kommentar von Leppi ,

Hi LittleArrow und gandalf, vielen Dank für deine Antwort. Den Unterschied zwischen Leitzins und Libor habe ich jetzt verstanden. Was mir aber noch nicht so ganz klar ist, ist warum ein Marktzins besser geeignet ist als der Leitzins. Letzterer wird von der EZB verkündet, und würde, auch weil er vorher öffentlich angekündigt und sich i.d.R. nicht täglich oder wöchentlich ändert, so eine sowohl solide als auch transparente Orientierungshilfe für sämtliche Geldgeschäfte bilden können. Auch der Leizins könnte so, zumindest in Europa, als allseits akzeptierter Referenzzins dienen. Gandalf, du hast dazu geschrieben, dass der Leitzins als Kenngröße weniger realistisch ist, da die Besicherungsanforderungen höher sind. Könntest du das näher erläutern? Inwiefern sind unbesicherte Kredite als Referenzzins besser geeignet? Sorry, falls das für VWLer etwas banal klingen mag, ich würde es nur gern verstehen.

Vielen Dank Euch und Grüße, Leppi

Kommentar von gandalf94305 ,

Wenn Du in der Werbung liest, man bekommt ein Baudarlehen ab 2,5% jährlichem Zins, dann ist das nett... aber wenn Du dann bei der Bank erfährst, daß für Dich spezifisch der Zins 3,2% betragen soll, dann fragt man sich, was denn da passiert ist. So ist das auch mit Leitzinsen und Marktzinsen.

Der von einer Zentralbank ausgerufene Leitzins ist eine Maßgröße für Referenzkredite mit klar definierten Sicherheiten hoher Güte. Der tatsächlich für ein Darlehen von einer Bank für Kunden verwendete Zins besteht aus

  • den Beschaffungskosten der Bank (z.B. irgendwo in der Nähe des Euribor, bestimmt durch das Rating der Bank bzw. das Vertrauen, das andere Banken in diese Bank haben)
  • den Margen (abhängig vom Kreditvolumen und der Bedeutung des Kunden für die Bank)
  • den Risikoaufschlägen (abhängig von der Bonität des Kunden und der Besicherung des Kredits)

Da sich der erste Punkt im Verlauf der Zeit ändern kann, wird man nicht einen für eine konkrete Bank nur theoretischen Leitzins, sondern einen konkreten Marktzins verwenden wollen. Der Euribor kann beispielsweise auch schon im Vorfeld einer erwarteten Leitzinserhöhung steigen, da dies ja künftige Darlehen verteuern würde. Er spiegelt also konkreter die Marktlage wider, während der ECB-Leitzins eigentlich nur für großvolumige Transaktionen von Geschäftsbanken mit den Zentralbanken relevant ist.

Kommentar von LittleArrow ,

Der Leitzins ist von der Nationalbank festgesetzt, also ein administrativer Zinssatz mit einer erheblichen Komponente "Wunschdenken", wohin sich insb. der Geldmarkt(zins) hinbewegen soll.

Der Marktzins spiegelt hinwegen die Marktgegebenheiten wider. Dafür findet sich passendes Angebot und Nachfrage in hohen Millionenbeträgen in ausgleichender Menge. Diese Menge von Angebot und Nachfrage findet sich jedoch nicht auf der Leitzinsbasis, sie wäre da vor allem unausgewogen bzw. ungleich gewichtet.

Antwort
von LittleArrow,

Der Leitzins (früher war dies der Diskontzins) ist nur eine Orientierungshilfe, aber auch ein Zinsangebot der Zentralbank (z. B. EZB), kein Marktzinssatz. Den Leitzins muss ja keine Bank akzeptieren, sondern nur, wenn sie sich bei der Zentralbank Geld leihen will. Die Notenbank gewährt aber den Zentralbankkredit nur gegen Gestellung von akzeptablen ("notenbankfähigen") Sicherheiten.

Libor, Euribor und Eonia sind - na ja, zumindest annäherungsweise - Marktsätze für die Kreditvergabe, ohne dass Sicherheiten gestellt werden. Eine schuldnerindividuelle Kreditunsicherheitseinschätzung wird mit einem Zinsaufschlag ("Marge" über z. B. Libor) "honoriert". Diese Marktsätze sollen eben als vertrauenswürdige, allseits respektierte Referenzzinssätze dienen, um nicht lange und aufwändig über eine passende Zinsbasis für Geldanlagen und -aufnahmen diskutieren zu müssen. Hierbei hat man natürlich Millionenbeträge und nicht "Peanuts" als Anlage-/Kreditbeträge. Diese Marktsätze dienen also dem "Massen"geschäft mit Millionenbeträgen.

Kommentar von Leppi ,

Hi LittleArrow und gandalf, vielen Dank für deine Antwort. Den Unterschied zwischen Leitzins und Libor habe ich jetzt verstanden. Was mir aber noch nicht so ganz klar ist, ist warum ein Marktzins besser geeignet ist als der Leitzins. Letzterer wird von der EZB verkündet, und würde, auch weil er vorher öffentlich angekündigt und sich i.d.R. nicht täglich oder wöchentlich ändert, so eine sowohl solide als auch transparente Orientierungshilfe für sämtliche Geldgeschäfte bilden können. Auch der Leizins könnte so, zumindest in Europa, als allseits akzeptierter Referenzzins dienen. Gandalf, du hast dazu geschrieben, dass der Leitzins als Kenngröße weniger realistisch ist, da die Besicherungsanforderungen höher sind. Könntest du das näher erläutern? Inwiefern sind unbesicherte Kredite als Referenzzins besser geeignet? Sorry, falls das für VWLer etwas banal klingen mag, ich würde es nur gern verstehen.

Vielen Dank Euch und Grüße, Leppi

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