Frage von Lutzo, 55

Gehaltsentwicklung Deutschland - Jammern auf hohem Niveau

Guten Tag,

ich lese gerne und viel - vor allem Nachrichten aus der Wirtschaft. Zu jedem Artikel gibt es oftmals auch ein "Kommentarbereich" - der, die unzensierte Meinung der "Anderen" präsentiert.

Mir ist dabei in den letzten 1 1/2 Jahren aufgefallen, dass sich die Leute zunehmend über "höhere Steuern", "zunehmende Inflation" und natürlich "weniger Gehalt" beschweren. Wer sich genau beschwert, weiß ich nicht. Dass sich sehr viele hingegen beschweren, schon.

Ich selbst habe noch "Eierschale" auf dem Kopf und habe auch nur hier und da ein Praktikum absolviert - kann also die genannten "Vorwürfe" aus dem Alltag nicht beurteilen.

Ich habe mir aber die Mühe gemacht, auf 4 "Lobbygruppen" einzugehen.

Die Zahnärzte:

Damals der Ferrari mit Ende 30 und heute das:

"Bereits jetzt sind 15 Prozent der BRD überversorgt und für weitere Niederlassungen nicht geeignet. Eine beunruhigende Perspektive liegt auch in den Unsicherheiten der Krankenkassenreform. Zukünftig ist mit einer Stagnation der Studentenzahlen zu rechnen, weil die Realität der wirtschaftlichen Praxisentwicklung als katastrophal bezeichnet werden muss."

Quelle: Zahnärztekammer Hamburg

Die Ärzte:

Keine genauen Quellenangaben aber ich kann das von mir aufgesaugte Wissen ausspucken:

"Rentabilität der privaten Praxen gefährdet. Beispiel:

5% der radiologischen Praxen sind insolvent

20% sind überschuldet

Bei Internisten ähnliches. Hausärzte, Dermatologen und Psychater klagen über "geringe Gehälter". Ärztemangel sagen die einen - mit den Kopfschütteln tun die Ärzte in den Städten und sagen: "Geht aufs Land - da gibt es den, aber nicht bei uns." Bürokratie nimmt zu.

Juristen:

Kurz und knapp: Ohne Prädikat kommst du nicht ansatzweise (Gehälter) an einen Prädikatabsolventen heran. Und wenn du Prädikat hast, gehst du nach GB, USA, Emirate, da höhere Gehälter auf dich warten.

BWLer

Top Universität, Auslandspraktika, Master außer bei (IB), Praktika bei den Big Four/1st Tier Beratung/Investmentbank - ansonsten hat man es verdammt schwer, sich bei Menge an Absolventen durchzusetzen und kein Sachbearbeiter zu werden.

Persönliches aus Praktika:

Sowohl bei der Deutschen Bank als auch Axel Springer konnte ich durch Praktika etwas besser kennen lernen. In beiden Unternehmen wurden die Verträge bemängelt. Tarife und Bonus - das war einmal.

Das sind in Etwa die "Meinungen", "Fakten", die ich in den letzten Jahren aufgesaugt habe. Natürlich sind es "Negativ-Beispiele" aber sind wiederum für mich die Berufe womit ich automatisch "Wohlstand" oder zu mindest "überdurchschnittliches Gehalt" verbinde. Wenn es in diesen Berufen schon schlechtER aussieht, wie sieht es dann bei der Verkäuferin bei Penny, dem Elektroladen um die Ecke oder der Bäckerei gegenüber aus? Deshalb meine Eingangsfrage: Klagen wir Deutschen auf hohen Niveau, wenn es um die Gehaltsentwicklung geht?

Antwort
von SBerater, 41

jammern kann jeder. Und alle jammern, wenn es mal weniger gibt. Fakt ist, dass es nicht mehr so einfach ist, dass man mit einem normalen Job, mit einem Uniabschluss nicht mehr automatisch reich wird oder in Wohlstand endet.

Fakt ist aber auch: wenn man sich ein wenig von der Masse abhebt und sich engagiert, hat man in D gute Voraussetzungen, ein sehr gutes Leben zu führen. Wenn man jedoch in der Masse schwimmend von Reichtum träumt, dann wird das nichts.

Ich kenne viele, die Karriere machten. Und die haben meist eines gemein: sie sind motivierter als andere, arbeiten länger, härter oder haben gute Ideen und gehen Risiken ein.

Wenn du ein Arzt bist in der Klinik, dann arbeitest du viel und hart und bekommst nicht den dicken Scheck. Wenn du eine Praxis als Niedergelassener hast, dann kenne ich keinen, der überschuldet ist oder am Hungertuch nagt. Auch Ärzte müssen investieren und das übersehen sie. Auch sie müssen einige Jahre ihre Investments tragen, um dann zu ernten.

Wer als Anwalt nur Mittelmass ist, der wird es nicht so leicht haben, einen gut dotierten Job zu bekommen. Nur ist es auch so: hast du einen guten Abschluss und wirst Richter oder Staatsanwalt, dann wird es da auch keinen Reichtum geben.

Sieht man sich die Aussagen von den Politikern an, dann sind wir mit ca. 60 tEuro p.a. schon bei den Reichen. Und das bekommen viele Akademiker. Und glaubt man Statistiken, dann ist man bei einem Jahresgehalt von 100 tEuro (brutto) beim oberen 1% der Vielverdiener.

Sieht man sich nun die Gehaltsentwicklungen bei Angestellten an, dann ist da seit vielen Jahren die Kaufkraft nicht gestiegen. Das ist jedoch nur eine Seite, denn die Performer verdienen mehr, die Masse nicht. Und sieht man sich dann den Anstieg bei den Vermögenswerten kann (dazu gehören für mich auch Häuser), dann verstehe ich das "Jammern".

Sieht man sich dann die Armutsquote in D an, dann sind ca. 15% davon betroffen. Das halte ich für eine sehr hohen Wert.

Es ist härter geworden, aber die Chancen haben wir in D. Man muss wohl mehr wagen. Dem Land geht es gut. Und das sieht man auch an den Werten im internationalen Vergleich.

Antwort
von Candlejack, 36

Ich mache es mal kurz, weil ich seit Jahren keine Lust habe, mich mit dem allen wahnsinnig intensiv zu beschäftigen:

  • Deutschland ist eins der reichsten Länder der Welt, dem es mit am besten geht, völlig abgesehen von Obdachlosen oder HartzIV-Empfängern

  • für das, was manche hier menschenunwürdiges Leben nennen, arbeiten in vielen Ländern die Menschen 40h die Woche oder mehr

  • ich höre mir seit 17 Jahren Gejammere von Kunden an. Deutsche sind Weltmeister im Jammern. Manchen geht es wirklich schlecht, das verstehe ich, aber die meisten hätten eigentlich keinen Grund

  • umgieb Dich mal mit Menschen aus anderen Ländern oder fahre in diese. Plötzlich ergeben sich Sichtweisen von außen, die das Jammertal als völlig unwichtig erscheinen lassen. Das fängt in manchen Ländern beim satt werden an und hört bei der PS4 auf. Es ist auch in anderen Ländern so: wer etwas hat und wem es besser geht, musste dafür hart arbeiten.

  • ja, auch in der Sparte Zahnärzte ist der Markt langsam gesättigt und ewiges Nachwachsen bringt nichts ;-) aber da gehen die nächsten Jahre einige in Rente und die guten Jahre des Booms sind halt vorbei

  • 5% insolvent ist eine normale Quote, nicht nur bei den Radiologen

  • Ärztemangel in der Stadt gibts teilweise auch, wenn ich Wartezeiten von 6 MOnaten sehe oder Praxen, die keine Neukunden mehr nehmen. Auf dem Land ist es aber extrem. Da will halt keiner wohnen, die Patienten sind alt, Bereitschaft oft 24h, weite Wege und einige Beschränkungen - wer will das schon ? Heute gilt beim Arzt feste Arbeitszeit, alles andere ist "unbequem"

  • es sind in den letzten Jahren sehr viele Juristen nachgewachsen...

  • BWL ist eine Voraussetzung für höheren Dienst in Firmen, aber für Top-BWLer haben wir eben nicht ständig Platz !

  • bei uns in Deutschland wachsen derart viel Studenten nach, die auch gern danach entsprechend verdienen möchten, dass dafür einfach kein Platz mehr in der Wirtschaft. Es kann nunmal nicht nur Akademikerstellen mit tollen Verdiensten geben !

Das sind allerdings meine eigenen Beobachtungen und Meinungen, keine Fakten.

Antwort
von wfwbinder, 28

Mit Sicherheit klagen einige Berufsgruppen auf hohem Niveau und es ist natürlich kein Vergleich mit der Kassiererin bei Aldi an der Kasse, oder der Bäckereifachverkäuferin. Schon gar nicht zu reden von der Friseurin, die ein ordentliches Handwerk erlernt hat und von einer Vollzeitstelle nicht leben kann.

Aber:

Die Mediziner kann ich verstehen. Die niedergelassenen Ärzte bekommen Geld nach einem Pauschalsystem. Den Kassenärztlichen Vereinigungen werden Festbeträge ausgezahlt, die die dann unter Ihren Mitgliedern verteilen.

Man möge sich vorstellen, VW überweist dem Betriebsrat einen Betrag, der sich nicht ändert wenn mehr Autos gebaut werden und die der Betriebsrat unter der Belegschaft verteilt. Würde man das akzeptieren?

Rechtsanwälte. Nun gut die sind natürlich an ihrem Mengenproblem selbst Schuld, aber in vielen Kanzleien ist es so: Morgens ist nichts los und nachmittags wird es ruhiger.

Kommentar von EnnoBecker ,

Morgens ist nichts los und nachmittags wird es ruhiger.

Deswegen gibt es ja die Mitternachtsnotare.

Kommentar von wfwbinder ,

Bildungslücke bei mir, Mitternachtsnotare kenne ich nicht.

Kommentar von EnnoBecker ,

Dann schau mal in die Moppelpost: http://www.morgenpost.de/berlin-aktuell/article121911529/Mitternachtsnotar-muss-...

Mitternachtsnotare sind Leute, die "seltsame" Geschäfte zu Zeiten beurkunden, wo man nur noch in der Tankstelle nen Kasten Wasser bekommt.

Kommentar von wfwbinder ,

Danke für den Tipp.

Erinnert mich aus einem Fall der 80er Jahre, den ich aus der Presse kenne. Da hat sich ein Notar von einem Bauherrenmodellbetrüger einspannen lassen (Notar mit einer Sekretärin, aber mehrere Hundert Verträge), was ihn und seine Kanzlei völlig überforderte.

Als er merkte dass er tief im Sumpf steckte und dabei geholfen hatte Millionen zu veruntreuen, hat er einige zig tausend von dem Konto abgehoben, ist ein ein Bordell gefahren, hat dort mehrere Tage gelebt, bis ihn ein Herzinfarkt dahin raffte. Ging damals als besondere Art des Suizids durch die Presse.

Kommentar von EnnoBecker ,

besondere Art des Suizids

Nunja, nachdem ich beim Fragesteller ja durchgefallen bin, denke ich eher, dass dein Bericht ein subtiler Hinweis für meine Zukunftsgestaltung sein soll. Und wenn ich mich weiter ärgere über des Fragestellers seltsame Einlassungen, werde ich dem Hinweis wohl auch nachgehen.

Hast du eine Adresse?

Kommentar von wfwbinder ,

Es mag ja eine relativ angenehme Art sein, einen Herzinfarkt herbeizuführen. Und das Ganze auch noch "fremdfinanziert," aber wie ich Dich kenne liegt Dir die Vorgeschichte dazu absolut nicht.

Ausserdem Ärger über Fragesteller lohnt sich nicht.

Kommentar von EnnoBecker ,

Ärger über Fragesteller lohnt sich nicht

Du hast recht. Wir hatten in der Vergangenheit schon Schlimmeres. Und das auch überstanden.

Antwort
von Niklaus, 21

Meine Meinung dazu ist folgende.

Deutschland ist ein Jammertal. Es wird wirklich über alles gejammert. Bei den Einkommen in den einzelnen Berufsgruppen muss man unterscheiden in berechtigtes Jammern und unberechtigtes Jammern.

Es gibt bestimmt Menschen mit akademischer Ausbildung, die Grund zum Jammern haben. Das dürfte aber die Minderheit sein. Die Mehrheit jammert aber auf hohem Niveau.

In den Ausbildungsberufen ist es schon etwas differenzierter. Hier muss man noch unterscheiden wo die Menschen und bei wem sie arbeiten. In München bei BMW z.B. oder als Friseur in irgendeinem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Währende der BMW -Werker sein Familie mit seinem Einkommen seine Familie ernähren kann, wird es der Friseur in MV schon schwer haben.

Eine eindeutige Antwort kann es hier nicht geben.

Antwort
von qtbasket, 19

In allen Punkten bin ich völlig anderer Ansicht !!!

Aber das ist eigentlich nur ein Meinungsbeitrag von dir, und wirklich keine Frage !!!

Zunächst gibt es das Problem der kalten Steuerprogression, und die große Koalition hat dazu nichts in ihrem Koalitionsvertrag vorgesehen. Also Vater Staat beteiligt sich über die steigende Einkommensteuer sehr intensiv an den Lohnerhöhungen.Und die Inflationsrate macht den Rest - Folge womöglich Verlust bei einer Lohnerhöhung, es bleibt weniger über.

Noch eine andere Anmerkung:

Sozialneid ist es, wenn man auf die Berufe und Einkommen anderer schaut und pauschalisiert, dass es diesen Leuten zu gut geht. Was du den verschiedenen Ärzten hier pauschal vorwirfst ist schlichtweg unwahr....

Ich bin auch eigentlich stinksauer: du musst ja keine Bereitschaftsdienste machen, jederzeit parat sein in den OP zu müssen, oder um diese Jahreszeit das Sprechzimmer mit 60-100 grippekranken Leuten voll zu haben

Kommentar von Lutzo ,

?

Du musst differenzieren zwischen meiner Meinung und den Meinungen Anderer. Ich habe doch im Eingangspost geschrieben: "Ich selbst habe noch "Eierschale" auf dem Kopf und habe auch nur hier und da ein Praktikum absolviert - kann also die genannten "Vorwürfe" aus dem Alltag nicht beurteilen."

Antwort
von Privatier59, 21
Und wenn du Prädikat hast, gehst du nach GB, USA, Emirate, da höhere Gehälter auf dich warten.

Wer das geschrieben hat, sollte weniger saufen: Was soll ein deutscher Jurist in GB? Das Moorhuhn jagen? Was sollte ein deutscher Jurist in den USA? Büffel reiten? Was sollte ein deutscher Jurist in den Emiraten? Nach Öl bohren? In seinem Beruf tätig werden jedenfalls kann er nicht. Seitdem A.H. das Thema Weltherrschaft abgesagt hat, gilt im Ausland nämlich dummerweise das jeweilig nationale und nicht etwa deutsches Recht.

Klagen wir Deutschen auf hohen Niveau, wenn es um die Gehaltsentwicklung geht?

Und das ist eine viel zu verengte Sicht der Dinge. Die Deutschen jammern nicht nur über das Gehalt oder den Verdienst, die Deutschen jammern über alles. An sich müßte der stolze Adler in unserem Wappen schon längst seinen Platz für die Heulsuse gemacht haben. Das nämlich entspricht der Geisteshaltung vieler Deutscher am besten.

Kommentar von Lutzo ,

Privatier59, ein Jura-Student wird nicht nur auf das deutsche Recht ausgebildet. Warum gibt es dann Partneruniversitäten im Ausland? Was bringt das, wenn sie das französische, türkische, russische etc. Recht lernen? Nichts.

Deshalb noch mal: Eine Jurastudium ist eine "universal" Ausbildung. Und du kannst gerne "xingen" und Jura + London als Suchbegriffe nehmen. Dir wird was aufallen.

Kommentar von Privatier59 ,

Statt zu "xingen" sollte man mal den Blick in die deutschen Juristenausbildungsgesetze werfen. Da steht nichts von Prüfung in türkischen, französischen oder sonstigen außernationalen Recht. Die Prüfung bezieht sich auf das in Deutschland geltende Recht und die einzigen internationalen Anklänge sind das Europarecht und das Völkerrecht, wobei selbst die in die Wahlfachgruppen verbannt sind. Den Hinweis auf die Partneruniversitäten verstehe ich nun garnicht. Das dient mehr dem Zweck, Professoren Urlaubsreisen auf Staatskosten zu verschaffen als der Förderung der Ausbildung. Mit ihrem Abschluß können deutsche Juristen demnach im Ausland weitestgehend nichts anfangen und umgekehrt geht es ausländischen Juristen auch so. Der Hinweis auf die Universalausbildung erinnert an jenes preussische Juristenausbildungsgesetz wo es hieß "Der preussische Assessor hat alles zu können". Auch damals war allerdings weder die Fähigkeit zum Fliegen oder die Kenntnis von Kisuaheli gemeint, sondern nur die Beherrschung der im Königreich Preussen geltenden Bestimmungen. Daran hat sich substanziell nichts geändert und googeln vermag diese Tatsache nicht aus der Welt zu schaffen. Nicht ohne Grund absolvieren Juristen mit Auslandsinteresse ein zweites Studium im Land ihrer Wahl.

Kommentar von Lutzo ,

Privatier - das kann ja auch alles stimmen was du schreibst, nichtsdestotrotz wird ein Anwalt heutzutage international ausgebildet. Nehmen wir doch nur die Bucerius Law School. Die beste Jura Universität Deutschlands. Was sind die Grundvoraussetzung um das Studium: Die englische Sprache sehr gut beherrschen? Warum? Weil man einen englischen Klienten vielleicht in Deutschland vertreten muss? Wohl eher weniger. Weil die Absolventen weltweit arbeiten sollen können.

Zu den Partneruniversitäten: Ich verstehe deine Ansicht gar nicht. Soweit ich mich besinnen kann, geht nicht der Professor auf Reise, sondern der Student. Und der bezahlt das aus der eigenen Tasche. Wieso macht er diesen Mehraufwand - wenn er ein ausländisches Recht lernen, was ihm ÜBERHAUPT nicht weiter bringt. - Deiner Theorie nach.

Und immer diese Kleinigkeiten, an denen sich so viele Deutsche dran hängen. Es geht doch gar nicht um den Anwalt als solches - es war nur ein Beispiel von vielen.

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