Frage von soso11, 6

Frage zu Entlassungswellen bei grossen Firmen, bei Konzernen

bei grossen Firmen, die an der Börse sind, liest man, dass es zu Entlassungen kommt. Zuletzt war das zB Siemens.

Ich frage mich, ob das so schädlich wäre, wenn Siemens darauf verzichten würde, denn der Gewinn ist gross genug, die Personen weiter zu beschäftigen und nicht zu kündigen.

Wäre es schädlich für international aufgestellte, grosse Konzerne, wenn sie in D auf Entlassungen verzichten würden und damit sozialer agieren? Würde dies diese Konzerne nachhaltig schwächen ggü. der internationalen Konkurrenz?

Ganz leuchtet mir das nicht ein.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von gandalf94305, 5

Da solltest Du ein paar Dinge bedenken, die Dir vielleicht nicht so bewußt sind.

  • Wenn Du annimmst, daß in einer Belegschaft ungefähr 1-2% jedes Jahr in Rente gehen, dann sind das bei einem Unternehmen wie Siemens (ca. 360.000 Mitarbeiter) doch immerhin 3.600-7.200 Personen, die einfach durch natürliche Effekte verschwinden. Stellt man dann keine neuen Mitarbeiter ein, reduziert sich die Belegschaft von alleine. Man kann auch durch Altersteilzeit oder Lebensarbeitszeitmodelle hier nachhelfen.

  • Ein Unternehmen hat natürlich eine Verpflichtung den Angestellten gegenüber, für eine sinnvolle Perspektive und ein gutes Arbeitsumfeld zu sorgen, aber wenn Reorganisationen oder Durststrecken in Bereichen anstehen, dann muß man vielleicht auch gezielt Mitarbeiter freisetzen. Von Frühstücksdirektoren und Pseudomitarbeitern halte ich wenig, denn das schmälert die Finanzkraft eines Unternehmens erheblich. Abgesehen davon: es werden ja in Krisenzeiten ohnehin auch gute Leute ein Unternehmen verlassen, wenn sie Probleme erkennen.

  • Es gilt deutsches Arbeitsrecht in Firmen mit Sitz in Deutschland. Da kann man nicht einfach Kündigungen wie in USA aussprechen, sondern muß klare Regeln befolgen. Insbesondere sollte man die Rolle der Betriebsräte nicht unterschätzen.

Dann sollte man mal die Aussagen Kaesers genau lesen. Es ist mitnichten von einem hohen Stellenabbau die Rede, sondern es werden auch Stellen verlagert. Das hat mit dem Umbau und der Fokussierung auf bestimmte Divisionen zu tun. Letztendlich ist dies eine Stärkung einzelner Geschäftsbereiche, was der Sicherheit von Arbeitsplätzen zugute kommt. Man sollte hier klar sehen, welche Jobs wirklich wegfallen und in welchen Geschäftsfeldern.

Unternehmen sollten sicher "sozial" agieren, aber das bedeutet nicht, daß man alle einmal eingestellten Mitarbeiter ad infinitum bis zur Rente durchfüttern muß. Auch Unternehmen müssen agil handeln und sich ggf. refokussieren, d.h. es kann dann Stellen oder ganze Geschäftsbereiche geben, die plötzlich nicht mehr Kerngeschäft sind und geschlossen oder verkauft werden. Auch von Mitarbeitern ist zu erwarten, daß sie eine gewisse Flexibilität besitzen und sich nicht auf die eine Stelle bis zur Rente verlassen. Daher kommt auch der Weiterqualifikation ein ganz besonderer Stellenwert zu, bei der Siemens und andere Konzerne in Deutschland recht umfangreiche Programme anbieten, um auch internationale Erfahrungen zu sammeln oder sogar Universitätsabschlüsse zu erreichen.

Man muß immer sehen, was wirklich hier passiert. Entlassungen sind primär natürlich unangenehm, da eine Wohlordnung auch der privaten Verhältnisse durcheinandergewürfelt wird, aber letztendlich muß man sich heute darauf einstellen, daß dies passiert.

Kommentar von soso11 ,

klare und wahre Worte. Danke

Antwort
von freelance, 2

sicherlich könnte Siemens hier auf weniger Gewinn verzichten und die Mitarbeiter in der Firma belassen. Nur sind die Kündigungszahlen bei Siemens bei ca. 4-5%. Das ist nicht viel in meinen Augen.

In den Firmen, die ich kenne und die effizient arbeiten, ist nicht nur die Frage, ob der Gewinn optimiert werden kann, sondern wer effizient arbeitet und wer nicht. Es gibt sicherlich 5% Low-Performer in einer Firma. Und um die kann es letztlich auch gehen. Wenn die gehen, dann ist das das eine. Es kommen aber auch andere, die diese ersetzen. Und dann wird die Firma konkurrenzfähiger.

Damit ist die Argumentation rein auf Gewinnoptimierung nicht korrekt - denke ich. Jedoch würde auch ein geringerer Gewinn eine Siemens an der Börse "billiger" machen. Und damit könnte es zu einer Übernahme kommen. Das sollte man auch bedenken.

Ich fand solche Aktionen in Konzernen, in denen ich war, als vollkommen gesetzeskonform wie auch erträglich und nicht unmenschlich.

Antwort
von vulkanismus, 2

Ich denke, dass man da schon etwas größer denken sollte.

Schließlich haben wir einen Weltmarkt. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Brasilien, Australien usw. gibt es Entlassungen.

Und dieser Markt interessiert sich nicht für das Einzelschicksal eines Deutschen.

Während ein Ami von Florida nach Alaska zieht, weil er dort Arbeit gefunden hat, sind wir nicht mal bereit von Wiesbaden nach Mainz zu ziehen.

Ich predige den jungen Leuten seit Jahrzehnten, ihr Leben nicht an den heimischen Trachtenverein zu hängen. Nur von zweien weiss ich, dass sie diesem Rat gefolgt sind und sich ein Leben nach ihren Vorstellungen eingerichtet haben.

Natürlich müssen sie auch dort für ihren Lebensunterhalt sorgen. Aber sich machen sich nicht total abhängig von den Entscheidungen eines Herrn Siemens.

Die werden sich leichter tun, sich bei "Ereignissen" umzustellen und sind somit nicht so lebensfremd, wie mir der Deutsche vorkommt.

Kommentar von soso11 ,

Danke für den Beitrag.

Antwort
von EnnoBecker, 2

Viele hier im Form wissen, wie ich im Sozialen aufgestellt bin.

Dennoch!

Leute durchzufüttern, weil man es "kann", ist das falsche Signal. Denn ebendiese Leute verlernen endgültig, dass nur sie selbst für ihr Leben verantwortlich sind.

Arbeitnehmer zu sein ist doch kein Merkmal für Minderwertigkeit. Man muss sich eben anderweitig orientieren, wenn der aktuelle Arbeitgeber andere Pläne hat. Warum soll man nicht selber auch andere Pläne haben?

Ich sehe die "Schädlichkeit" deshalb nicht im Gewinn der Anteilseigner - die interessieren mich herzlich wenig. Aber für die Nichtentlassenen ist es schädlich, weil sie nämlich nicht in die Lage kommen, sich um sich selbst zu sorgen.

Was sind wir nur für ein Volk geworden, dass wir unser persönliches Wohl daran hängen, was jemand anderes über uns bestimmt?

Kommentar von soso11 ,

ich erkenne die Sichtweise. Und die ist nachvollziehbar.

Danke für die Antwort.

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