Frage von Privatier59, 15

Deflation

Nein, es soll keine Scherzfrage werden!

Heute habe ich in mehreren Berichten das Wort Deflation gelesen und gehört, insbesondere im Hinblick auf die Zinspolitik der EZB. Nach dortigen Gedankenspielen soll der Leitzins nicht bei Null enden, sondern in den negativen Bereich gehen können. Gleichzeitig merkt wohl jeder, dass es keinen allgemeinen Preisrückgang, sondern einen -wenngleich moderaten- Preisanstieg gibt. Deflation und Inflation zugleich, das alleine ist ja schon ein Rätsel.

Bei einer vom Fernsehen durchgeführten Straßenumfrage dazu wie man denn auf sinkende Zinsen reagieren solle äußerte sich eine Passantin dahingehend, dass man dann sein Geld besser verkomsumieren sollte. Ich nehme an, dass viele Menschen so denken und das würde doch der Inflation Auftrieb geben.

Meine Frage dazu ist nun: Wie lange hält die EZB ihre Niedrigzinspolitik Eurer Meinung nach durch? Und wenn dann der Umschwung kommt, wie heftig werden die Märkte reagieren?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von gandalf94305, 6

Ich gehe jetzt mal davon aus, daß Dein Account nicht von einer ganz bestimmten Person gekapert wurde :-)

Es gibt derzeit in keinem EU-Land außer Griechenland eine Deflation für gesamt 2013. Inflationsraten sind niedrig, was auch angesichts der erst langsam wieder anlaufenden Binnennachfrage mit dem sich erholenden Arbeitsmarkt logisch ist. Daher sind Preiserhöhungen nicht wirklich durchsetzbar. Inzwischen haben sich auch durch die verschiedenen Ketten von Banken bis zu consumer-orientierten Unternehmen die günstigen Finanzierungsmöglichkeiten durchgesetzt, die fallenden Energiepreise haben zur Reduktion von Lebenshaltungskosten beigetragen, und Sparguthaben werden unzureichend verzinst. Die steigenden Immobilienpreise in deutschen Großstädten deuten auch in die Richtung, daß es wieder aufwärts geht.

Daher ist es einfach eine Frage der Metrik, wie man Inflation oder Deflation mißt. Es gibt sicher deflationäre Tendenzen in manchen Segmenten, aber das sagt doch nur, daß die Inflation sinkt. Das ist für Verbraucher nicht schlecht, denn die Lohnentwicklungen sind immer noch sehr moderat und da kommt eine Preisstabilität recht.

Konsequenterweise glaube ich daher nicht, daß die akute Angst vor Deflation die ECB zu einer Zinssenkung getrieben hat, sondern eher der Finanzierungsbedarf der südlichen EUR-Länder, sowie die wachsende Stärke des EUR gegenüber einem USD und anderen Währungen. Der Effekt war ja auch wirklich schnell und sehr hübsch zu sehen. Ziel erreicht.

Die ECB zog in der Vergangenheit immer der Fed nach. Da man mit mind. 6 Monaten rechnen muß, bis Maßnahmen sich bilanziell bei Banken auswirken, und mit eher 12-18 Monaten, bis das auch andere Unternehmen berührt, würde ich davon ausgehen, daß vor Anfang 2015 keine Zinserhöhungen erfolgen werden. Auch die Fed wird sich wahrscheinlich zunächst durch eine Reduktion der Anleihenaufkaufprogramme schrittweise aus dem Markt herausziehen, bevor sie daran denkt, die Zinsen wieder zu erhöhen und Liquidität einzusammeln. 2015 könnte auch der Zeitpunkt sehen, zu dem man die kreativen Arbeitsmarktzahlen im von der Fed angepeilten Bereich sehen könnte. Bisher ist die Erholung des Arbeitsmarkts in USA noch sehr zaghaft.

Europa und die USA werden außerdem unter einer schwächeren Ausprägung eines weiteren Effekts leiden, der in den vergangenen Krisen noch bei der Bewältigung geholfen hat: Absätze in Emerging Marktes. Alle wesentlichen Emerging Markets - allen voran China - haben eine Stärkung der Binnenmärkte vor. Das reduziert die Abhängigkeit von Importen und Fremdwährungen. Das reduziert aber auch für Standardprodukte, die nicht im Luxus- und Investitionsgüter-Bereich zu finden sind, die Wachstumschancen für Unternehmen aus den Industrieländern.

Die Marktreaktionen werden nach den jüngsten Hochs, die vielleicht bis Jahresende noch etwas ausgebaut werden, natürlich - wie immer - Überreaktionen sein, so daß es wieder Kaufgelegenheiten gibt. Schaut man sich Unternehmensbewertungen an, so könnte der DAX jedoch locker noch bis 10.000 Punkte laufen, ohne historisch zu teuer zu sein. Dann wird sich allerdings der Fokus auf das Resüme von 2013 ändern und man schaut wieder Q4 Unternehmensgewinne an. Das könnte in der ersten Hälfte von 2014 für fallende Kurse sorgen, bis man sich an das neue Normal gewöhnt hat und es wieder mit guten Ergebnissen aus Q1+Q2/2014 die Märkte nach oben arbeiten können.

Meine Konsequenz: ich reduziere etwas die monatlichen Summen, die investiert werden, und baue erst mal wieder Liquidität auf, um in Rückschlägen zukaufen zu können. Denn wenn es dann wieder aufwärts geht, könnten auch diejenigen Anleger, die bisher nur zuschauten, einsteigen und für steigende Kurse sorgen.

Andererseits sollte man nicht vergessen, daß mit jedem Jahr, das wie fortschreiten, die Babyboomer-Generation mehr und mehr in Rente gehen wird. Das bedeutet die Inanspruchnahme von Rentenversicherungen und die Auflösung von Rücklagen und Investments. Manche Analysten rechnen sogar mit einer deutlichen Zunahme des Konsums, da die jetzigen Rentner sich nicht wie Rentner vor 30 Jahren verhalten. Sie fühlen sich jünger und kaufen entsprechende Produkte. Das würde also eher eine Downside für Aktienmärkte und ein Plus für Konsumwerte bei wieder steigender Inflation bedeuten.

Vielleicht muß die ECB daher gar nicht so schnell die Zinsen erhöhen, da der Markt selbst für Inflation sorgt? Inflation und Niedrigzinsen helfen den Südstaaten, ihre Schulden zu reduzieren... sie halten auch den EUR gegen andere Währungen niedrig, was der Exportindustrie hilft.

Mein Kaffeesatz sagt: Zinserhöhungen der ECB vielleicht in 2015 und mit zunehmender Wahrscheinlichkeit in den Folgejahren.

Kommentar von Privatier59 ,

Ich gehe jetzt mal davon aus, daß Dein Account nicht von einer ganz bestimmten Person gekapert wurde :-)

Jetzt ist Zeit für ein Geständnis: In echt sehe ich ein wenig anders aus als auf meinem Profilbild.

Kommentar von Finanzschlumpf ,

Die EZB der Fed hinterlaufen ?

Wir sind Vorreiter. Die FED zahlt für Bankeneinlagen immer noch 0,25 %, in der Eurozone kostet das Einlegen für Banken bald.....

Antwort
von Finanzschlumpf, 5

Ich sehe keine dramatischen Änderungen.

Der Leitzins wird sich nicht sehr vom natürlichen, fairen Marktzins entfernen. Dieser wird sich, wenn nicht irgendwelche gravierenden Änderungen sehen , über die nächsten Jahre nicht deutlich steigen und langfristig eher noch weiter gen Null fallen.

Temporäre Leitzinserhöhungen sind natürlich möglich. Einen Leitzins mit einer 2 vorne schließe ich - ohne grundlegende Änderungen - für den Rest meines Lebens aus. Selbst die 1 % halte ich für alles andere als sicher.

Eine temporäre Deflation ( negative Jahresrate der Verbraucherpreise in der gesamten Eurozone ) möchte ich nicht ausschließen , halte ich aber für unwahrscheinlich.

Antwort
von Rat2010, 4

Die Antwort auf die letzte Frage haben die Märkte heute gegeben.

Das ist die Meldung

http://www.comdirect.de/inf/news/detail.html?ID_NEWS=300009672&NEWS_HASH=8f6...

entlockte den Märkten ein mildes Lächeln. Das einzige, was irgendwie logisch war, war fallendes Gold aber auch das reagierte nicht ungewöhnlich.

Die EZB wird die Zinspolitik analog der FED so lange duchhalten, wie es nötig ist. dei Konjunkturlokomotive nimmt immer mehr Fahrt auf. Die Staaten werden vermutlich bald alle von den Steuereinnahmen überrannt (Deutschland ja schon länger). Die Inflation steigt und dann kann man auch (ohne dass irgendwer ernsthaft Schaden nimmt) die Zinsen erhöhen. Was gestern von Sixt veröffentlicht wurde wird vermutlich bald von vielen Unternehmen kommen. Jetzt heisst es Kapazitäten ausbauen. Ich stelle auch zum 1.1. einen neuen Mann ein und der ist bitter nötig.

Es gibt keine wesentlichen Unterschiede zu anderen Konjunkturzyklen. Wir - also im Zweifel die ganze Welt - haben die Talsohle hinter uns. Es ist Aufschwung und wie beim Abschwung weiss keiner, wie lange er andeauert. Weil die Krise tief war kann er aber auch der Aufschwung in die Verlängerung gehen.

Kommentar von gandalf94305 ,

Das Girokonto mit Zufriedenheitsgarantie entlockt mir auch nur ein mildes Lächeln :-)

Kommentar von Rat2010 ,

So vergänglich sind News. Es ging um die Meldung von heute morgen, in der die FED die Drosselung der Anleihekäufe in den nächsten Monaten möglich hält.

Antwort
von wfwbinder, 3

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die EZB die Zinsen nicht erhöhen wird, solange es in vielen Ländern mit der Konjunktur so schlecht läuft. Kann also locker noch 6-9 Monate dauern.

Leitzins im negativen Bereich, also das die EZB sozusagen Zuschüsse zahlt, damit überhaupt einer Geld nimmt, dass wird wohl nie passieren. Das wären ja schon Verhältnisse nach Silvio Gesell (Wirtschaftswissenschaftler, mit sehr spezieller Meinung).

Wenn es sich dann dreht, werden die Märkte schon reagieren, aber vermutlich nicht überreagieren.

Die Zeiten von 1972/1973 in Zins- und Steuerpolitik kommen hoffentlich nie wieder.

Antwort
von SBerater, 3

Deflation? Hm.

Ich sehe die Statistiken und das subjektive Gefühl. Und da würde ich doch Unterschiede vermuten.

Es gibt die Länder in der EU, bei denen es deutlich nach unten geht. Dort wird weniger verdient und die Preise sinken. Und es gibt die Länder, in denen es brummt.

Es gibt Dinge, die ich täglich kaufe und bei denen merke ich nicht generell sinkende Preise. Ich erkenne billigere Preise für Öl oder Sprit, aber wie soll ich da mit Zurückhaltung reagieren? Ich muss tanken und Öl brauche ich dann, wenn mir kalt ist. Und bei Strom steigen die Preise.

Dann gibt es Dinge wie Möbel oder auch Autos, wo sich die Händler einem Preiskampf nach dem anderen liefern. Nur hat sich dadurch mein Kaufverhalten wenig geändert.

Und dann sehe ich die Vermögenswerte. Die steigen. Bei Immobilien gibt es die, die es sich leisten können und die sind dann auf der Vermieterseite. Dann gibt es die, die denken, dass sie es sich leisten können und die verschulden sich m.E. zu sehr. Und dann gibt es die, für die der Wunsch nach dem Eigenheim gestorben ist, weil a) wenig Objekte vorhanden und b) nicht mehr leistbar. Und die wiederum wohnen zur Miete. Und die steigt.

Nachdem ich in einem Ballungsraum wohne, wo die Mieten sehr steigen, habe ich sicherlich eine andere Sicht. Für viele mag es statistisch deflationäre Tendenzen geben, aber die sehen sie im Alltag nicht. Viele krebsen doch irgendwie dahin und haben Ende des Monats kein Geld mehr über. Und die anderen haben zuviel und denen ist es eh egal.

Ich muss auch ehrlich sagen, dass ich den Statistiken skeptisch gegenüberstehe.

Die EZB wird die Zinsen mglw. noch lange niedrig halten. Ob sie negative Zinsen anbieten wird, weiss ich nicht. Das hat für mich für den Endverbraucher nur insofern eine Auswirkung, weil sie noch mehr Vermögen verlieren, die Sparer speziell.

Für mich ist der Leitzins nicht nur ein Instrument, für das er verkauft wird. Es geht m.E. hier vor allem auch um ein Instrument, mit dem man Einfluss auf die Konditionen bei Staatsanleihen nehmen kann, auch wenn der Leitzins kurze Laufzeiten betrifft. Das Renditeumfeld bei Anleihen wird dadurch beeinflusst. Und das will man. Je billiger sich die Staaten finanzieren können, umso besser. Damit unterstützt man hier die Staaten bei ihren Schuldenständen.

Was passiert, wenn die EZB umdenkt? Kann ich nicht sagen. Ich vermute eher das Risiko einer Vermögensblase, die sich irgendwo wieder bildet. Und bei der Reaktion kommt es sicherlich auf das Tempo der Zinsänderungen an wie auch auf die Fundamentaldaten bei den Firmen. Danach wird sich die Reaktion ausrichten.

Antwort
von billy, 3

Deflationäre Tendenzen - Ja, Deflation - nein. Vor allem Griechenland ist hart getroffen. Die Verbraucherpreise schrumpfen seit Monaten. Im Oktober gab es mit minus 1,9 Prozent den stärksten Preisrückgang seit über 50 Jahren. In die Deflation könnte auch Spaniern und Portugal rutschen. In Spanien sanken die Preise im Oktober erstmals seit vier Jahren leicht um 0,1 Prozent, und in Portugal verbilligten sich die Preise um 0,2 Prozent. Im gesamten Euro-Raum fiel die Inflation auf 0,7 Prozent, das niedrigste Niveau seit rund vier Jahren.

Am Mittwoch heizten die Erzeugerpreise in Deutschland die Deflationsdebatte neu an. Im Oktober sanken die Preise um durchschnittlich 0,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Das ist der stärkste Rückgang seit dreieinhalb Jahren und deutet auf eine anhaltend niedrige Inflation hin. http://boerse.ard.de/anlagestrategie/konjunktur/droht-europa-jetzt-die-deflation...

Antwort
von alfalfa, 3

Unserem Freund Draghi traue ich einiges zu. Dänemark agiert seit einiger Zeit erfolgreich mit negativen Zinsen. Und auch das "neue" Indtrument dürfte der EZB in ihrem " Folterbedteck" gut in den Ülan passen. Doch lese bitte selbst:

http://www.wsj.de/article/SB10001424127887323623304579054470915350240.html

Kommentar von Finanzschlumpf ,

Hmm, brummt die Wirtschaft so in Dänemark ? Alle Probleme beseitigt ?

Im Banksystem gibt es nach meinen Informationen immer noch große Schwierigkeiten.

Worin liegt der "Erfolg" ?

Kommentar von alfalfa ,

Nun, da gibt es mehrere Facetten. Zum einen, dass dieses "Instrument" funktioniert, zum anderen sind die nordischen Länder aufgrund der Fundamentaldaten als "sicherer" Hafen angesehen wird. Zumindest wurden die Devisenströme dadurch stabilisiert. Insofern aus Sicht der Zentralbank "gelungen" . Als Gegenbeispiel kann die Türkei angesehen werden, bei denen der Devisenabfluss zu negativen Effekten geführt hat. Generell: fast alle europäischen Banken haben Schwierigkeiten, die strukturellen Probleme sind längst nicht gelöst.

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